Karsten Danzmann wird Direktor Emeritus

Festkolloquium für den Gründungsdirektor des Hannoveraner Max-Planck-Instituts

25. März 2026

Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Karsten Danzmann eine prägende Führungspersönlichkeit der internationalen Gravitationswellen-Astronomie. Der Professor am Institut für Gravitationsphysik der Leibniz Universität Hannover und Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut, AEI) hat die großen Projekte zur Beobachtung von Gravitationswellen auf der Erde und im All in zentralen Rollen voran gebracht. Zum 1. April 2026 wird er an der Universität emeritiert und zum Direktor Emeritus des AEI. Aus diesem Anlass werden seine Leistungen mit zwei Festvorträgen am 31.3. und 1.4. gewürdigt

„Ich betrachte es als großes Privileg, dass ich als Direktor den Aufbau der neuen Generation von Führungspersönlichkeiten unterstützen durfte, die heute weltweit die Entwicklung zukünftiger Detektoren wie des Einstein-Teleskops und der LISA-Mission maßgeblich vorantreibt“, sagt Karsten Danzmann, der seit 1993 Professor an der Leibniz Universität Hannover ist und 2002 als erster Direktor an das Hannoveraner Teilinstitut des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) berufen wurde. Er ergänzt: „Als emeritierter Direktor werde ich diese künftigen Vorhaben der Gravitationswellen-Astronomie weiterhin begleiten und beabsichtige, meine langjährige Erfahrung in der Leitung internationaler Großprojekte gewinnbringend einzubringen.“

Festvorträge

Anlässlich der Emeritierung von Karsten Danzmann finden zwei Festvorträge von zwei seiner langjährigen wissenschaftlichen Weggefährten statt, die auf seine Verdienste um die Gravitationswellen-Astronomie zurückblicken.

Bernard Schutz, Gründungsdirektor des AEI in Potsdam spricht am 31. März um 16:30 Uhr über „Where Gravitational-wave Astronomy would be today without Karsten Danzmann: Nowhere!“ („Wo stünde die Gravitationswellen-Astronomie heute ohne Karsten Danzmann? Nirgendwo!“). Dieser Vortrag findet im Rahmen des Mathematisch-Physikalischen Kolloquiums an der Leibniz Universität Hannover im Großen Physiksaal (E214) statt.

Stefano Vitale, ehemaliger Professor an der Universität Trient, spricht am 1. April um 14:00 Uhr über „How Karsten Danzmann got us LISA“ („Wie Karsten Danzmann uns LISA ermöglichte“) im Kolloquium des AEI Hannover (Raum 103).

Mit GEO600 auf Einsteins Spuren

Seit 36 Jahren nehmen die von Albert Einstein 1916 vorhergesagten Gravitationswellen den wichtigsten Platz in Danzmanns Forschung ein. Die drehte sich nach seiner Promotion im Jahr 1980 zuerst um andere Themen: die Atom- und Molekülphysik und die Spektroskopie. Im Jahr 1990 übernahm Danzmann, zuvor Acting Assistant Professor an der Universität Stanford, von Heinz Billing am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching die Projektleitung im Bereich Gravitationswellen.

Drei Jahre später nahm er einen Ruf als Professor an die Leibniz Universität Hannover an und hob dort mit britischen Kolleg*innen den Gravitationswellen-Detektor GEO600 aus der Taufe. GEO600 ist die Technologieschmiede der internationalen Gravitationswellen-Forschung und hat wichtige technologische Durchbrüche gemacht, die heute Standard in allen großen Gravitationswellen-Detektoren sind. Diese Technologie-Entwicklungen spielten eine wichtige Rolle beim ersten direkten Nachweis der Gravitationswellen verschmelzender Schwarzer Löcher im Herbst 2015 durch die LIGO-Detektoren, der 2017 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde. Heute sorgen diese Technologien in den großen Detektoren (LIGO und Virgo) dafür, dass diese im Durchschnitt alle paar Tage Verschmelzungen von Schwarzen Löchern oder Neutronensternen in den Tiefen des Kosmos aufspüren. Seit Sommer 2024 beschreitet GEO600 ganz neue Wege, indem es an der Suche nach Gravitationswellen sehr hoher Frequenzen arbeitet und so ganz neuen Quellen nachspürt, die andere Instrumente nicht beobachten.

Danzmanns Arbeiten am Gravitationswellen-Detektor GEO600 hatten europaweite Wirkung. Noch während sich GEO600 in der Aufbauphase befand, begannen er und andere Forschende bereits mit der Konzeption einer neuen Generation bodengebundener Gravitationswellen-Detektoren in Europa. Einen zentralen Impuls setzte Danzmann im Jahr 2000 mit einem Plenarvortrag auf der 9. Marcel-Grossmann-Konferenz in Rom, in dem er die konzeptionellen Grundlagen für ein deutlich empfindlicheres Observatorium vorstellte. Die Idee galt bei vielen zunächst als zu futuristisch, gewann jedoch in den folgenden Jahren europaweit an Unterstützung und entwickelte sich zu dem heute ausgereiften Projekt des Einstein-Teleskops. Das geplante Observatorium ist ein europäisches wissenschaftliches Flaggschiffprojekt, das völlig neue Wege zur Erforschung des Universums eröffnen wird. 

Mit LISA ins All

Gleichzeitig trieb Danzmann ab 1993 die Entwicklung des weltraumgestützten Gravitationswellen-Observatoriums LISA (Laser Interferometer Space Antenna) voran, die heute auf dem Weg zum Start ins All Mitte der 2030er-Jahre ist. Zwischen 1993 und 2011 war Danzmann zuerst Sprecher des LISA Study Teams und danach Missionswissenschaftler für LISA bei der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA). Ab 2011 leitete er das internationale LISA-Konsortium, das das wissenschaftliche Konzept der Mission formulierte und ausarbeitete. Im Jahr 2024 bestätigte das Science Programme Committee der ESA, dass das LISA-Konzept ausgereift ist. Damit begann die Konstruktionsphase der Mission vor deren Start in etwa einem Jahrzehnt.

LISA wird das erste Gravitationswellen-Observatorium im All und eine Entdeckungsmission sein. Es wird völlig neue Informationen über die dunkle, unsichtbare Seite des Universums sammeln und ab den 2030er Jahren Hand in Hand mit anderen Observatorien arbeiten. LISA wird aus drei Satelliten bestehen, die einen dreieckigen Detektor mit 2,5 Millionen Kilometern langen Armen aus Laserlicht bilden, der der Erde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne folgt. Die Satelliten werden mit ihren Lasern durch Gravitationswellen verursachte Abstandsänderungen zwischen in den Satelliten frei fallenden Testmassen messen. So wird LISA Gravitationswellen mit niedrigeren Frequenzen untersuchen, die sich vom Erdboden aus nicht beobachten lassen.

Den Weg für LISA ebnen

Dass die zentralen LISA-Technologien funktionieren, hat die LISA Pathfinder-Mission zwischen 2015 und 2017 bewiesen und so den Weg für das große Observatorium geebnet. Karsten Danzmann war ab 2004 Co-Principal Investigator der ESA-Satellitenmission und hat sie über ihr gesamtes „Leben“ begleitet – von den ersten Ideen, über die Entwicklung, den Bau und ihren Start ins All bis zum Abschalten des Satelliten im Sommer 2017 nach der extrem erfolgreichen Mission.

Er war stellvertretender Sprecher des Transregio 7 in Jena, der zum Aufbau einer deutschlandweiten, wissenschaftlichen Gemeinschaft in der Gravitationswellenphysik beitrug. An der Leibniz Universität Hannover war er Sprecher eines Sonderforschungsbereichs sowie Co-Sprecher eines weiteren und prägte damit zentrale Forschungsstrukturen des Fachs. Zudem war er Initiator und erster Sprecher eines Exzellenzclusters und spielte eine entscheidende Rolle bei dessen erfolgreicher Bewilligung. In diesen Programmen wurden auch Technologien aus dem LISA-Kontext weiterentwickelt und auf geodätische Satellitenmissionen übertragen.

Ein weiterer Schwerpunkt war die International Max Planck Research School (IMPRS) on Gravitational-Wave Astronomy, die 2006 als eines der frühen IMPRS-Programme startete und bis 2023 lief. Rund 170 Promovierende wurden in diesem Rahmen ausgebildet; viele von ihnen nehmen heute führende Positionen in der Gravitationswellenforschung ein.


Hintergrundinformationen

Ein halbes Jahrhundert für die Physik

Karsten Danzmann erwarb im Jahr 1977 ein Diplom im Fach Physik an der Universität Hannover, wo er 1980 im Fachbereich Physik promovierte. Nach einem Aufenthalt als Gastwissenschaftler an der Universität Stanford von 1982 bis 1983 war er im Anschluss bis 1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Berlin. 1986 kehrte er als Acting Assistant Professor of Physics an die Universität Stanford zurück, bevor er 1990 als Projektleiter im Bereich Gravitationswellen an das Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching kam. Im Jahr 1993 wurde er zum Professor an der Universität Hannover berufen und leitet seitdem das dortige Institut für Gravitationsphysik. Seit 2002 ist er darüber hinaus Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut), Teilinstitut Hannover.

Ausgezeichnete Forschung

Karsten Danzmann hat für seine entscheidenden Beiträge zu den ersten direkten Beobachtungen von Gravitationswellen und als Wegbereiter für zukünftige Observatorien zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Dazu zählen anderem eine Ehrendoktorwürde der RWTH Aachen im Jahr 2025, der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft 2017, der Otto-Hahn-Preis 2017, die Stern-Gerlach-Medaille der Deutschen Physikalischen Gesellschaft 2018, der Edison-Volta-Preis 2018 der European Physical Society, die Aufnahme in die Hall of Fame der deutschen Forschung 2019, der Niedersächsische Staatspreis 2016 (gemeinsam mit B. Allen und A. Buonanno) und mehrere gemeinsam mit der LIGO Scientific Collaboration erhaltene Preise. Danzmann ist zudem Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Fellow der American Physical Society und Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

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