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Die Hintergründe dieser Aussage sind interessant genug, allerdings
weniger spektakulär als Meckelburgs Darstellung nahelegt. Im Jahre
1987 schrieb Carl Sagan an einem Science-Fiction-Roman (
Contact), in dem die Durchquerung eines Wurmloches eine wichtige
Rolle spielen sollte. Aus diesem Grunde hatte Sagan seinen Freund Kip
Thorne, einen Physik-Professor am California Institute of Technology,
über die relevanten physikalischen Verhältnisse befragt.
Zum besseren Verständnis möchte ich zuächst kurz darauf eingehen, was Wurmlöcher eigentlich sind. Wurmlöcher gehören ins Reich der Allgemeinen Relativitätstheorie, der 1916 von Albert Einstein veröffentlichten Gravitationstheorie. In Einsteins Theorie ist die Gravitation keine Fernkraft, sondern ihre Wirkung ergibt sich aus den geometrischen Eigenschaften der sogenannten Raumzeit - der vierdimensionalen Vereinigung von dreidimensionalem Raum und eindimensionaler Zeitkoordinate. Diese Beschreibung der Gravitation führt zu neuartigen Phänomenen - im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie lassen sich beispielsweise Schwarze Löcher beschreiben, Raumregionen, aus denen noch nicht einmal Licht entkommen kann, und eben die erwähnten Wurmlöchern. Durchquerbare Wurmlöcher kann man sich an einem vereinfachten, zweidimensionalen Bild veranschaulichen. Betrachten wir nicht einen dreidimensionalen, sondern einen zweidimensionalen flachen Raum, also das, was gemeinhin "Fläche" heißt. Eine konkrete Realisation solch einer Fläche ist ein Blatt Papier. Jetzt biegen wir das Blatt, so daß es in etwa wie folgt aussieht:
An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer naheliegenden
Begriffsverwirrung. In Einsteins Theorie ist die geometrische Eigenschaft
der Krümmung direkt mit der Gravitation verbunden. Dem
alltäglichen Sprachgebrauch folgend könnte man meinen, auch
unser Blatt Papier sei nunmehr auch gekrümmt. Tatsächlich ist
es aber im geometrischen Sinne ungekrümmt, lediglich
verbogen: Es hat sich nur verändert, wie seine
(zweidimensionale) Fläche im (dreidimensionalen) Raum eingebettet
ist. Krümmung ist dagegen eine Eigenschaft, die von der Einbettung
der entsprechenden Fläche unabhängig ist. Ungekrümmt ist
jede Fläche, die sich ohne Dehnung und Verzerrung zu einer Ebene
verformen läßt, wie etwa das Blatt Papier in unserem Fall.
Bei jeder Ebene sind die kürzesten Linien zwischen zwei Punkten
(diese kürzesten Linien werden im allgemeinen Fall auch als
Geodäten bezeichnet) Geraden. Wenn man versucht, eine
gekrümmte Fläche wie beispielsweise eine Kugel auf eine Ebene
abzubilden (wie es ja in jedem Atlas mit der Erdkugel gemacht wird), so
sind die kürzesten Linien (die Geodäten), etwa die ideale Bahn
eines Flugzeuges, keine Geraden mehr, sondern erscheinen als verbogene
Kurven.
Doch nun weiter auf dem Weg zum Wurmloch. Wir können die gebogene
Fläche verändern, indem wir eine Art Zylinder oder Schlauch
durch die parallel liegenden Flächenstücke stoßen:
In der Umgebung des "Loches" - also in den Bereichen B und C - liegt
jetzt Krümmung vor. Der Rest des Papieres, weit weg von der
Durchstichstelle, ist unverändert flach. Übrigens ist auch der
Zylinder, den wir eingefügt haben, nur in der Umgebung des "Loches"
gekrümmt. Ein Zylinderoberfläche selber ist ja auch nur eine
gebogene, ungekrümmte Fläche und somit ebenfalls
ungekrümmt.
Die neue Gesamtfläche hat nun eine besondere Eigenschaft für
Wesen, die sich in der Fläche bewegen: wenn sie vom Punkt A
nach Punkt D gelangen wollen, so gibt es einen längeren Weg (von A
über E nach D) und eine Art Abkkürzung (von A über B
über C nach D). Wohlgemerkt: Was wir, die wir die dreidimensionale
Anordnung des Blattes Papier samt verbindendem Zylinder betrachten, als
"Loch" wahrnehmen, ist den Flächenwesen unbekannt. Sie nehmen
lediglich war, daß es auf dem Blatt Papier einen kreisförmigen
Bereich (am Durchstoßpunkt des Zylinders) gibt, und daß jeder,
der in diesen Bereich eintritt, an einem ganz anderen Ort auf dem Blatt
Papier gelangt. Eine etwaige Einbettung ihrer kleinen Welt in einen
höherdimensionalen Raum hat für sie keine Bedeutung.
Nach diesen Vorbereitungen können wir nun zu Wurmlöchern in
unserer vierdimensionalen Raumzeit übergehen, die wir ähnlich
wahrnehmen wie die Flächenwesen ihre zweidimensionale Abkürzung:
Gäbe es in unserer Nähe ein durchquerbares Wurmloch im All, so
würden wir es als Region mit einer kugelflächenähnlichen
Grenze wahrnehmen. Wer in diese Kugeloberfläche eintritt, durchquert
einen Raum analog dem zweidimensionalen Zylinder, tritt nach einer Weile
aus einer zweiten Kugelfläche aus und befindet sich am Ende
womöglich in einer ganz anderen Region unseres Alls als der, in der
er seine Reise begonnen hat. Ein Wurmloch wäre also eine Region,
durch die wir in relativ kurzer Zeit in Raumbereiche gelangen
könnten, die auf "herkömmliche" Weise (im zweidimensionalen
Fall: über E) weit entfernt wären. Für das Wurmloch selber
macht es übrigens keinen prinzipiellen Unterschied, ob seine beiden
Eingänge im selben Universum liegen oder nicht. Es könnte sich
bei dem Wurmloch in unserem zweidimensionalen Fall also ebensogut um eine
Verbindung zweier paralleler Blätter Papier - oder im
vierdimensionalen Fall um eine Verbindung zweier "paralleler" Raumzeiten
handeln.
Das Kernstück der allgemeinen Relativitätstheorie sind die
sogenannten Einsteinschen Feldgleichungen. Sie beschreiben, wie die
lokale Verteilung von Energie und Materie die Krümmung des Raumes
beeinflußt (Faustregel: je mehr Energie/Materie, desto mehr
Krümmung). Die Krümmung des Raumes aber wiederum bestimmt, wie
sich freie Materieteilchen bewegen (Faustregel: Teilchen versuchen, sich
auf den geradest möglichen Bahnen, eben den Geodäten,
fortzubewegen. Liegt Krümmung vor, dann beschreiben die Teilchen
Bahnen vergleichbar denen in einem Gravitationsfeld der klassischen
Physik). Bei den Feldgleichungen handelt es sich um sogenannte partielle
Differentialgleichungen (Gleichungen, die eine Funktion und ihre
Ableitungen nach verschiedenen Variablen enthalten, hier: den
Raumkoordinaten und der Zeitkoordinate). Es ist keineswegs einfach,
solche Differentialgleichungen zu lösen, und es gibt kein
allgemeingültiges Verfahren, mit denen man einer beliebigen
partiellen Differentialgleichung sofort alle ihre Lösungen abgewinnen
kann. Die Situation ist eine Fortsetzung dessen, was man schon aus dem
Mathematikunterricht in der Schule kennt: Es ist einfach, die Ableitung
einer Funktion zu finden, denn dafür gibt es eindeutige Regeln, denen
man nur folgen muß. Es ist dagegen schwer (und manchmal nur durch
geschicktes Raten oder Probieren möglich), die Stammfunktion einer
Funktin zu finden. Partielle Differentialgleichungen erhöhen den
Schwierigkeitsgrad noch einmal beträchtlich.
Seit Einstein die Feldgleichungen aufstellte, haben Physiker eine
Reihe entsprechender Lösungen gefunden. Lösungen der
Feldgleichungen entsprechen bestimmten geometrischen Strukturen, wie etwa
dem Raum um kugelsymmetrische Sterne, statischen oder rotierenden
Schwarzen Löchern, Weißen Löchern oder eben auch
Wurmlöchern, und den zu ihrer Erzeugung notwendigen Masseanordnungen.
Allerdings haben "normale" Wurmlöcher einen gravierenden Nachteil:
sie lassen sich nicht durchqueren, da sie, sobald der Versuch unternommen
wird, instabil werden und kollabieren. Zudem wären Raumfahrer, die
sich diesen Wurmlöchern näherten, großen
Gezeitenkräften ausgesetzt, die sie unmöglich heil
überstehen könnten. Wenn so ein Raumfahrer sich nämlich
einem Wurmlocheingang, der sich wie ein sehr massiver Körper
verhält, näherte, so würde der Teil von ihm, der sich
näher am Wurmloch befindet, stärker vom Wurmloch angezogen
werden als die weiter entfernten Teile seines Körpers. Der
Unterschied an Anziehung würde, sobald er dem Wurmloch genügend
nahe gekommen ist, den Raumfahrer einfach zerreißen.
Mit solchen Problemen sah sich auch Kip Thorne konfrontiert, als er
für Sagan nach einem science-fiction-tauglichen Wurmloch suchte.
Doch dann fand er zu seiner Überraschung doch noch eine
vergleichsweise einfache Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen,
die einem durchquerbaren Wurmloch entsprach, das keine Instabilitäten
und nur minimale Gezeitenkräfte aufwies. Man muß sich allerdings bewußt sein, was es bedeutet,
daß die Feldgleichungen eine solche Lösung haben, und was
nicht. Die Existenz einer solchen Lösung bedeutet insbesondere noch
nicht, daß eine solche Lösung physikalisch möglich ist,
geschweige denn, daß es solche Gebilde in der Natur wirklich gibt.
Sie besagt nur, daß eine Ansammlung von Materie mit bestimmten
Eigenschaften eine bestimmte Raum-Zeit-Struktur erzeugt, nicht aber, ob
die erforderliche Materiekonfiguration ihrerseits möglich, d.h. nach
den Gesetzen der Physik erlaubt ist. Die Materie, die Thornes Lösung
voraussetzte, hatte sehr exotische Eigenschaften, die in der Natur noch
nicht beobachtet worden waren - in genau definierter Weise wies diese
Materie so etwas wie eine "negative Energiedichte" auf. Nur in der
Quantenphysik kannte man einen Effekt, der Materie die erforderlichen
Eigenschaften - allerdings nur im mikroskopischen Maßstab -
aufweisen ließ (der sogenannte Casimir-Effekt, der besagt, daß
in bestimmten quantenmechanisch beschreibbaren Situationen negative
Drücke auftreten können).
1988 veröffentlichten Thorne und Michael Morris ihre
entsprechenden Ergebnisse im American Journal of Physics
(herausgegeben von der Vereinigung Amerikanischer Physiklehrer), da sie
sich sehr gut als Lehrbeispiele zum Unterrichten der allgemeinen
Relativitätstheorie eigneten - die entsprechenden Lösungen waren
formal sehr einfach.
Wenig später stellten sie in einem Artikel im Physical Review
D die Möglichkeit vor, ein durchquerbares Wurmloch unter
besonderen Bedingungen als " Zeitmaschine" zu nutzen. Das Prinzip der
Wurmloch-Zeitmaschine wäre, den einen Wurmlocheingang gegenüber
dem anderen schnell zu bewegen. Die Zeitdehnung eingerechnet, die bereits
die spezielle Relativitätstheorie voraussagt, käme das
Durchqueren eines solchermaßen präparierten Wurmloches einer
Zeitreise gleich. Meckelburg schreibt mit Bezug auf diesen Artikel:
"Wissenschaftler [haben] jetzt die Durchführung von Zeitreisen
erstmals mathematisch exakt nachgewiesen und darüber hinaus Modelle
zu deren technischer Realisierung entwickelt." (S. 220, Z. 26ff.). Bei
Morris und Thorne selber liest sich das anders: sie sehen ihr
Gedankenexperiment "Verbieten die physikalischen Gesetze einer
willkürlich weit fortgeschrittene Zivilisation, ein durchquerbares
Wurmloch zu unterhalten?" nicht als konkreten Vorschlag zur praktischen
Durchführung von Zeitreisen, sondern als Möglichkeit,
Aufschluß über die physikalischen Gesetze, die bei dieser Frage
eine Rolle spielen, zu gewinnen. Schließlich kann die Frage nach
den Eigenschaften der erforderlichen exotischen Materie nur von
allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenfeldtheorie gemeinsam
beantwortet werden. Die Vereinigung dieser beiden Theorien ist eines der
großen (wenn nicht das große) ungelösten
Probleme der Physik, und könnte durch derartige Fragestellungen
näher beleuchtet werden.
Die Existenz einer Zeitmaschine mit der man nicht nur in die Zukunft,
sondern auch in die Vergangenheit reisen könnte, würde zu
Paradoxa führen, die die Physik so nicht akzeptieren kann. Was
würde beispielsweise passieren, wenn ich in die Zeit vor meiner
Zeugung reisen und dort meinen Vater umbringen könnte? Wenn mein
Vater tot ist, dann werde ich nie geboren werden, und werde nie die
Zeitmaschine besteigen können. Genausowenig aber kann ich dann in
die Vergangenheit reisen und meinen Vater erschießen, der mich also
doch zeugen konnte, so daß ich doch reisen und schießen kann,
also doch nicht, also doch, ad infinitum. Die Situation ist
unauflösbar und scheint sich jeder systematischen Naturbeschreibung
zu widersetzen. Oder ist es umgekehrt die Natur, die sich solch paradoxen
Situationen verweigert? Aber wenn ja, wie? Das ist eine nicht
uninteressante Fragestellung. Nach Kip Thornes eigener Aussage: "Wenn wir
verstünden, wie die Natur sich vor Zeitreisen schützt,
würden wir Zeit und Raum besser verstehen (zitiert nach Travis 1992,
meine Hervorhebung).
Andererseits kann man überlegen, daß ja nicht eigentlich
Zeitreisen an sich, sondern nur bestimmte Verläufe einer Zeitreise
verboten sind, nämlich solche, die zu Paradoxa führen. Man kann
soweit gehen, die Zeitreisen in selbstkonsistente und selbstinkonsistente
zu unterteilen: eine Zeitreise, bei der man seinen Vater erschießt,
wäre danach verboten, weil inkonsistent, eine Zeitreise dagegen, bei
der man seinen Vater zwar erschießen will, aber ihn verfehlt,
wäre demnach erlaubt. Inkonsistente und konsistente Situationen kann
man versuchen, physikalisch mit der Wurmlochzeitmaschine zu beschreiben:
so wäre z.B. eine Situation möglich, bei der ein Billardball mit
sich selber zusammenstößt, dabei in das Wurmloch fällt,
früher als er hereingefallen ist aus der anderen Öffnung des
Wurmlochs herauskommt mit seiner früheren Ausgabe
zusammenstößt, und diese dann wiederum ins Wurmloch
reflektiert.
Zu diesen grundlegenden Frage treten einige weitere. So ist
ungelöst, wie sich denn überhaupt ein Wurmloch bilden kann.
Schon das zweidimensionale Beispiel zeigt, daß die Erzeugung eines
Wurmloches ein Eingriff in die Zusammenhangsstruktur der Raumzeit, ist.
Bei meinem im Raum eingebetteten Blatt Papier, in daß ich ein
Wurmloch einsetze (s.o.) finden ja z.B. alle wichtigen Aktionen der
Erzeugung im Einbettungsraum statt. Wollen wir von unserer Raumzeit aus
ein Wurmloch basteln, dann können wir aber nicht aus dieser Raumzeit
hinaus. Wie man trotzdem Wurmlöcher erzeugt (z.B. indem man schon
vorhandene, durch Quanteneffekte gebildete Wurmlöcher benutzt) ist
physikalisch sehr schlecht verstanden.
Bei Meckelburg geht dieser ganze Hintergrund, bei dem es darum geht,
durch geschickt ausgeklügelte Gedankenexperimente die Physik zu
verstehen, verloren, und es muß für den Leser klingen als
wären schon jetzt die Ingenieure in den Startlöchern, um bald
Zeitmaschinen zu bauen.
Stattdessen hält sich Meckelburg an die Expertenzitate. Als
nächstes ist John Friedman an der Reihe, der in einem Kurzartikel in
Nature (Friedman 1988) zu den Thorne-Morrisschen Wurmlöchern Stellung
nimmt. Friedman wählt als Einleitung seines Artikels eine Passage
aus dem Buch "Der König von Narnia" von C.S. Lewis, einem
Fantasy-Kinderbuch, in dem ein Kleiderschrank den Übergang zwischen
unserer Welt und dem fantastischen " "Narnia" ermöglicht. Analog
führt Friedman das Konzept des Wurmloches als Verbindung weit
entfernter Teile des Universums oder mehrerer Universen ein. Im Gegensatz
zu Meckelburgs Behauptung hat er damit allerdings noch keinen Versuch
unternommen, "die komplizierte Zeitreise-Theorie der drei Astrophysiker
vereinfacht darzustellen" (S. 221, Z. 16.). Friedman erinnert sich daran,
wie er das Narnia-Buch gelesen habe, erwähnt, daß der
Garderobenschrank auch eine Art Wurmloch (als Verbindung zwischen zwei
verschiedenen Universen) sei, aber hat damit das eigentliche
Zeitreise-Element (die Zeitverschiebung aufgrund der Bewegung eines der
Wurmloch-Eingänge) noch gar nicht ins Spiel gebracht. Der
Narnia-Bezug ist lediglich ein literarischer Aufhänger, kein Versuch
einer allgemeinverständlichen Beschreibung der Zeitreisetheorie.
Bei mir kommen an dieser Stelle ernste Zweifel auf, ob Meckelburg
überhaupt weiß, wovon er hier redet, und worum es in der
Zeitreisetheorie eigentlich geht.
Wenig später schreibt
Meckelburg "Friedman und die drei von ihm zitierten Astrophysiker aus
Pasadena sind offenbar dennoch fest davon überzeugt,
daß die Gesetze der Physik es späteren Generationen einmal
erlauben werden, eines dieser Wurmlöcher lange genug offen zu halten,
um eine Zeitmaschine durchschleusen zu können." (S. 222, Z. 4,
Hervorhebung von mir). Abgesehen davon, daß aus den Formulierungen
in Friedmans Artikel hervorgeht, daß das Wurmloch selber eine
Zeitmaschine darstellen würde (keine Rede vom Durchschleusen!),
betont Friedman zugleich, daß Morris und Thorne selber nur
behaupten, daß ihre Berechnungen fesselnd, nicht aber, daß
sie korrekt seien, da nicht sicher sei, ob der Quanteneffekt auf dem die
Möglichkeit der exotischen Materie beruht, sich überhaupt in den
erforderlichen Maßstäben realisieren ließe. Gegen Ende
diskutiert Friedman dann auch die möglichen Mechanismen, die laut
Morris und Thorne verhindern könnten, daß ihre Zeitmaschine zu
kausalitätsverletzenden Paradoxa führt: es wäre
möglich, daß Teilchen beim Durchqueren des Wurmloches
zwangsläufig zuviel Energie verlieren, als daß sie die
Vergangenheit, in die sie reisen, beeinflußen könnten. Wieder
geht es um die Frage, wie es dazu kommen könnte, daß die
Gesetze der Physik kausalitätsverletzende Zeitreisen eben
nicht zulassen - deutlicher Hinweis, daß die beteiligten
Forscher die Möglichkeit von Zeitreisen eben nicht als gegeben
hinnehmen. Von alledem erfahren Meckelburgs Leser wiederum keinen Deut -
ihnen wird nur die nachweislich falsche Zusammenfassung geboten, Friedman,
Thorne und Co. seien "fest" von der Machbarkeit von Zeitreisen
"überzeugt".
In der Fachwelt geht die Diskussion darüber, welche
physikalischen Gesetze Zeitreisen (Fachausdruck: geschlossene zeitartige
Kurven, closed timelike curves) verhindern, unterdessen weiter. Es geht
vor allem darum, ob Materie mit den geforderten merkwürdigen
Eigenschaften physikalisch erlaubt ist. Da diese Materie in dem bislang
schlecht verstandenen Bereich liegt, in dem sowohl allgemein
relativistische Effekte als auch Quanteneffekte eine Rolle spielen, ist
die Diskussion entsprechend interessant. Der Kosmologe Stephen Hawking
ist beispielsweise der Meinung, daß die herkömmlichen Annahmen
über die Quantenmechanik Zeitreisen verbieten (Hawking 1992), andere
Rechnungen deuten an, daß sich Quanteneffekte in der Nähe des
Wurmloches so aufschaukeln könnten, daß das Wurmloch instabil
wird - aber das diese Instabilität vielleicht bei Hinzunahme der
Quantengravitation ausgeglichen wird (Frolov, 1991). Zeitreise-Modelle
sind Spielzeugmodelle, anhand derer man einige Eigenschaften von zu
konstruierenden Quantengravitationstheorien untersuchen kann. Zum
Kofferpacken ist es noch zu früh.2.
Wer keine näheren Beziehungen zur Festkörperphysik hat, mag
diesen "experimentellen Nachweis höherer Dimensionen" wohl recht
beeindruckend finden. Zunächst einmal: was sind Quasikristalle? In
Kristallen sind die Atome, aus denen sich die Materie zusammensetzt,
besonders einfach angeordnet. In einem sehr einfachen Fall sitzen sie
beispielsweise gerade an den Ecken von Würfeln und bilden so ein sehr
regelmäßiges Gitter. Die möglichen Kristallgitter (an
jedem Gitterpunkt sitzt ein Atom), die in der Materie vorkommen, sind
Forschungsgegenstand der Festkörperphysik. Solche Gitter weisen
charakteristische Symmetrien auf - ein Würfelgitter beispielsweise
bietet denselben Anblick, wenn man den Kristall um 90 Grad dreht: Wo
vorher Würfelkanten entlangliefen, befinden sich auch nach der
Drehung Würfelkanten. Solche Symmetrien lassen sich experimentell
feststellen, indem man beispielsweise untersucht, wie Licht- oder
Elektronenstrahlen an einem solchen Kristall gestreut/gebrochen werden.
Aus solchen Experimenten kann man Rückschlüsse auf die Struktur
der Kristalle ziehen.
Eine Sensation war es, als Dan Shechtman, Ilan Blech, Denis Gratias
und John W. Cahn bei Untersuchungen an einer Aluminium-Mangan-Legierung
eine sogenannte fünfzählige Symmetrie feststellten, die es
eigentlich gar nicht geben durfte, und die durch die herkömmlichen
Arten von Kristallgittern auch nicht erklärt werden konnte.
Herkömmliche Kristallgitter kann man aus sogenannten Elementarzellen
zusammensetzen - im obigen Beispiel eben aus den erwähnten
Würfeln. Das man gleichgroße Würfel zu einem
größeren Gebilde zusammensetzen kann, sieht man sofort. Mit
Ikosaedern (zwanzigflächigen Gebilden) geht das nicht so einfach.
Für die fünfzählige Symmetrie gab es keine möglichen
Elementarzellen und ohne Elementarzellen, so hatte man bis dahin gedacht,
keine Kristallstruktur.
Allerdings war eine sehr elegante Lösung bald gefunden. In der
Mathematik gab es nämlich für ähnlich gelagerte,
zweidimensionale Probleme (wie kann man einen lückenlosen
Parkettboden legen, ohne ihn aus "Elementarzellen" aufzubauen)? bereits
eine Lösung, die der Mathematiker Roger Penrose gefunden hatte.
Diesen "Penrose-Mustern" ähnliche Anordnungen, sogenannte
"Penrose-Packungen", waren auch für dreidimensionale Probleme
gefunden worden. Mit Hilfe dieser Anordnung ließ sich das Problem
der ungewöhnlichen Kristallsymmetrien lösen. Die entsprechenden
Kristalle haben keine Elementarzellen im üblichen Sinne, sondern eine
Anordnung von Atomen, die in gewisser Weise miteinander verschränkten
Elementarzellen entspricht.
Ein Artikel über Quasikristalle und Penrose-Muster, geschrieben
von dem von Meckelburg zitierten David R. Nelson findet sich im
Spektrum der Wissenschaft vom Oktober 1986. Selbst wenn zur Zeit
der Entdeckung der fünfzähligen Symmetrie die Einführung
höherer Dimensionen unter den ernsthaften
Lösungsvorschlägen gewesen sein sollte - schon mehr als
fünf Jahre vor der Veröffentlichung von Meckelburgs Buch hatte
das Problem eine (im Vergleich mit der Einführung zusätzlicher
Dimensionen) konventionelle und zufriedenstellende Lösung gefunden.
Meckelburg hat sich hier offensichtlich nicht weiter informiert, sondern
lediglich die sensationelle (und veraltete) Aussage hingeschrieben. Von
einem populärwissenschaftlichen Autor sollte man sorgfältigere
Recherche erwarten (wenn nicht sogar: verlangen) können.
Geht man zu der Quelle für die "Himmelsmaschinen" zurück,
einem Artikel von J. Brown in der populärwissenschaftlichen
Zeitschrift New Scientist, dann stellt sich die Situation weit
weniger dramatisch dar. Der Grundgedanke ist, daß in der
Vergangenheit die Simulationen durch Computer immer größere
Fortschritte gemacht hat, und das z.B. zelluläre Automaten (man denke
an das "Game of Life") so wirklichkeitsähnliche (und für Leben
charakteristische) Verhaltensmuster zeigen, daß sich einige
Wissenschaftler fragen, wieweit die Strukturähnlichkeit dieser
speziellen Computer und den wirklichen Vorgängen in der Natur denn
nun reicht, und ob man nicht in gewissem Sinne das ganze Universum als
eine Art riesigen Computer betrachten könne, und ob man auch
physikalische Gesetze durch in drei Dimensionen auf einer unendlichen
Spielarena lebende zelluläre Automaten simulieren könnte.
Eines der großen Probleme dieser Vorstellung ist, daß die
mikroskopischen Vorgänge in der Natur allesamt reversibel (umkehrbar)
sind, während Computer als Maschinen eigentlich irreversibel
arbeiten. "Wie kann das Universum ein Computer sein, wenn die Gesetze der
Physik reversibel sind, während Computer es nicht sind?" Hier kommen
die auch bei Meckelburg erwähnten Wissenschaftler Ed Fredkin und
Charles Bennett ins Spiel, die sich überlegten, wie man UND-Gatter
reversibel aufbauen könnte, so daß keine Information
verlorengeht. Damit lassen sich im Prinzip reversible Computer bauen, und
ein Einwand gegen die Idee vom "Universum als Computer" ist
ausgeräumt.
Damit bliebe aber noch ein weiterer Einwand gegen das Konzept
übrig, der, wie der Autor des Artikels schreibt, in ein
philosophisches Minenfeld führt. Können Computer auch das
menschliche Bewußtsein simulieren? Wenn aber Computer die
physikalischen Gesetze simulieren können, und das Bewußtsein
auf physikalischer Basis funktioniert, wo soll das Problem liegen? Laut
Roger Penrose liegt das Problem in der Quantenmechanik, die unsimulierbare
Aspekte aufweise.
Hier kommen die Quantencomputer ins Spiel, deren Logikgatter auf dem
Quantenlevel arbeiten, und die zumindest in Verschlüsselungsfragen,
die quantenmechanischen Unschärferelationen ausnutzend, etwas
können, was herkömmliche Computer nicht schaffen. Die Probleme
bleiben aber bestehen: "Unglücklicherweise hat bislang niemand
interessante für klassisch unlösbare Probleme gefunden, die von
Quantencomputern gelöst werden können. Selbst wenn es solche
gäbe, wäre die Frage, ob das Gehirn quantenmechanische Prozesse
ausnutzt, hochspekulativ und ohne experimentelle Belege", heißt es
in dem New Scientist-Artikel. Am Schluß, und ohne direkten
Bezug zu den Quantencomputern, wird noch ein amüsantes Gleichnis
("amusing parable") über eine futuristische Computersimulation namens
"Heaven Machine" (wohlgemerkt in der Einzahl) erzählt, anhand derer
Fredkin einen Science-Fiction-haften möglichen Einsatzbereich
für eine perfekte Simulation der Welt durch einen Computer, die er
prinzipiell für möglich hält, beschreibt. Die Geschichte
geht folgendermaßen:
Bei Meckelburg sind diese interessanten Überlegungen zu einer aus
oberflächlichen Details zusammengeschusterten Sensationsgeschichte
mutiert. Die Kernaussage geht verloren, und aus dem "amüsanten
Gleichnis" ist die "erschreckend[e] Zukunftsperspektive" von
"allmächtigen Quanten-Computern" geworden (Klappentext hinten).
Im Literaturverzeichnis Meckelburgs findet sich gerade mal ein
einziger Artikel von Salam: "f-dominance of gravity" Physical Review D vom
15. Februar 1971. In diesem Artikel findet sich kein Hinweis auf
irgendeine der von Meckelburg vorgestellten angeblichen Aussagen Salams:
es geht um ein Modell, das die Wechselwirkung von Gravitonen
(hypothetischen Kraftteilchen, die die Wirkung der Gravitation vermitteln)
und Materie im Rahmen einer Lagrangeschen Feldtheorie beschreiben soll.
Um es genau zu wissen, schrieb ich Professor Salam am 25. Juni 1992 einen
Brief, in dem ich die (oben zitierten) Aussagen Meckelburgs wörtlich
wiederholte, den von Meckelburg im Literaturverzeichnis angegebenen
Artikel erwähnte, und um eine Stellungnahme bat. Die Antwort Salams
(vom 17. Juli 1992) war kurz, klar, und klang beinahe etwas belustigt:
Alles, was Meckelburg hier behaupte, sei unwahr. Salam und seine Kollegen
hätten nie eine so blühende Phantasie gehabt. ("Professor Salam
has requested me to let you know that Mr. Meckelburg's statements are
quite untrue. He and his colleagues were never so imaginative."). So
einfach ist das. Bleibt nur noch zu fragen, woher Meckelburg seine
"Informationen" hat? Egal ob er die angeblichen Theorien Salams selbst
erfand, um seine eigenen Theorien zu unterstützen, oder ob er sie
lediglich von einer anderen Quelle unkritisch übernahm: Wie
Meckelburg hier vorgeht kann man kaum als seriös bezeichnen. Auch das
Meckelburg in seinem Literaturhinweis auf den Salam-Artikel den Erstautor
und den zweiten Koauthor einfach unterschlägt, deutet mir darauf hin,
daß es ihm vor allem um den berühmten Namen Salams ging.
Ärgerlich finde ich das, weil der Durchschnittsleser seiner
Bücher kaum Gelegenheit, Vorkenntnisse und Motivation haben wird,
sich die entsprechenden Fachzeitschriften zu besorgen und Meckelburgs
Quellentreue nachzuprüfen. Er wird sich wohl eher durch die Verweise
auf "angesehene, erfahrene Wissenschaftler" und "renommierte [...]
Fachzeitschriften" beeindrucken lassen.
Was ich in diesem Text zusammengefaßt habe ist das, was ich von
Meckelburgs Aussagen direkt nachprüfen konnte. Das sind
natürlich diejenigen Aussagen die Meckelburg a) klar formuliert und
b) mit Quellenangaben versieht. Es finden sich aber auch viele Aussagen
in Meckelburgs Buch, die z.B. Kriterium a) nicht erfüllen.
Wenn sich Meckelburg z.B. als "Erklärung" für Hellseherei
("Präkognition") auf sogenannte Tachyonen, also hypothetische
Teilchen mit imaginärer Ruhemasse, die rechnerisch nach der
speziellen Relativitätstheorie nur Geschwindigkeiten schneller als
die Lichtgeschwindigkeit annehmen können bezieht und schreibt
Mein Fazit: man sollte nichts nur deswegen glauben, weil man es bei
Meckelburg gelesen hat, sondern man sollte nach Möglichkeit direkt zu
den Quellen gehen, die Meckelburg angibt. Ich wäre nicht
überrascht, wenn Meckelburg bei seiner Beschreibung paranormaler
Phänomene ähnlich vorgeht wie bei seiner Beschreibung
physikalischer Phänomene. Ich habe nicht vor, in Zukunft weitere
Bücher von Meckelburg zu lesen. Ich finde es bedauerlich wie bei
platten, sensationsorientierten Darstellungen wie denen Meckelburgs das
verlorengeht, was ich persönlich an Physik und Philosophie so
faszinierend finde: das Durchspielen von Gedankenexperimenten, um die
zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten besser zu verstehen.
Brown, J.: "Is the Universe a Computer" in New Scientist,
14. Juli 1990.
Clarke, C.J.S.: "Opening a can of wormholes"
in Nature 348 (1990), 287.
Friedman, J.L.: "Back to the future" in Nature
336 (1988), 305.
Frolov, V. P.: "Vacuum polarization in a locally static multiply
connected spacetime and a time-machine problem",
Physical Review D43 (1991), 3878-3894.
Gott, J.R.: Zeitreisen in Einsteins Universum. Rowohlt:
Reinbek bei Hamburg 2002.
Hawking, S.W.: "Chronology protection conjecture",
Physical Review D46 (1992), 603-611.
Isham, C.J., Salam, A. & J. Strathdee:
"f-Dominance of Gravity" in Physical Review D3 (1971),
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of closed timelike curves?", Physical Review D43
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Morris, M.S., Thorne, K. & U. Yurtsever: "Wormholes,
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Nelson, D.R.: "Quasikristalle" in
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Redmount, I.: "Wormholes, time travel and quantum
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Thorne, K.: Gekrümmter Raum und verbogene Zeit. Droemer-Knaur:
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Travis, J.: "Could a pair of cosmic strings open a
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179.
Visser, M.: Lorentzian Wormholes. From Einstein to Hawking.
AIP Press: Woodbury, N.Y. 1996.
Quasikristalle
Ein weiteres Beispiel für den mehr als freizügigen Umgang
Meckelburgs mit Quellen sind die sogenannten Quasikristalle, die 1984 von
Daniel Shechtman entdeckt wurden. Diese versetzen Meckelburg in helle
Aufregung. Er zitiert die New York Times, nach der "Theoretiker in diesen
Quasikristallen anstelle eines dreidimensionalen mehr einen
sechsdimensionalen Aufbau erkannt haben wollen" (S. 241, Z. 30), sieht in
ihnen ein "gewichtiges Indiz" (S. 242, Z. 3) für die Existenz eines
Hyperraumes und zitiert den "Harvard-Physiker David R. Nelson" für
den "durch diese außerordentlich wichtige Entdeckung" die "Welt der
theoretischen Physik nicht länger in Ordnung" ist (S. 242, Z. 6 ff.).
Quantencomputer und Himmelsmaschinen
Ebenso krasse Unterschiede zwischen Meckelburgs Quelle und seinen
Ausführungen zeigt der folgende Fall. Meckelburg beschreibt unter
anderem "die erschreckenden Zukunftsperspektiven von Quantencomputern,
sogenannten 'Himmelsmaschinen', die unser aller Schicksal nachhaltig
beeinflußen könnten." (Klappentext hinten) und versichert,
"daß man sich in den USA bereits ernsthaft mit der Entwicklung
'allmächtiger' Quanten-Computer beschäftige (S. 243, Z. 13 ff.).
"George Orwells »Großer Bruder« läßt
grüßen. Man kann nur hoffen, daß uns Monstren wie diese
erspart bleiben, um den Degenerationsprozeß nicht noch zu
beschleunigen (S. 135, Z. 30f.).
Eines Tages [...] hörst Du von einer Anzeigenkampagne
der Himmelsmaschinen-Gesellschaft. Du wirst neugierig und möchtest
herausfinden, worum es dort geht. Im Firmensitz angekommen wirst Du in
ein Zimmer geführt und man zeigt Dir einige Broschüren. Die
Verkäufer erklären, daß Sie über eine riesige
Computersimulation haben, in die sie eine exakte Simulation Deines Gehirns
einfügen können. Unglücklicherweise wird bei dem Prozess
Dein wirkliches Gehirn zerstört, so daß gleichzeitig Dein Leben
auf der Erde beendet sein wird. Stattdessen wird Dir ewiges Leben in der
Simulation angeboten, und dieses Leben, so versichern Dir die
Verkäufer, sei wirklich himmlisch. Da Du sie daraufhin recht
skeptisch ansiehst bieten sie Dir an, mit einem Deiner Nachbarn zu
sprechen, der dieses Angebot bereits angenommen hat. Auf einem
wandgroßen Computerbildschirm erscheint Dein Nachbar. Du sagst: "Hi,
Joe, wie gehts denn so", und Joe antwortet: "Hier ist es fantastisch,
richtiggehend himmlisch. Diese ganzen faszinierenden Leute hier:
Einstein, Buddha, Confucius - Du würdest nicht glauben, was ich
für interessante Gespräche hatte. Ich fische soviel ich will
und, Junge, Du solltest die Fische sehen! Erinnerst Du Dich an den Kerl,
mit dem ich im Tennisclub immer gespielt habe, und der mich immer
geschlagen hat? Nun, hier schlage ich ihn jedesmal! Ach
übrigens, da war noch was, was ich Dir sagen wollte: Bevor ich
hierher kam hatte ich doch Deinen Rasenmäher geliehen. Nun, er steht
noch in meiner Garage, geh hin und hol ihn Dir." Als Du das hörst
denkst Du: Ja, das muß Joe sein.
Was demnach in dem Artikel, den Meckelburg als Quelle benutzt, steht, sind
interessante philosophische Betrachtungen zum Verhältnis von
Simulation und Wirklichkeit: Was kann man alles mit Computern simulieren,
was unterscheidet das Universum von einem Computer? Um diesen letzten
Punkt zu veranschaulichen, wird Fredkins Gedankenexperiment von der
Himmelsmaschine erzählt. Ist das wirklich Joe? Was unterscheidet
eine perfekte Simulation von der Wirklichkeit? In welchem Sinne ist es
nicht der wirkliche Joe, der da in der Computersimulation lebt?
Abdus Salam und die Biophotonen
Auch Meckelburg vertritt Theorien aus dem Bereich des " Paranormalen" und
behauptet, sie seien wissenschaftlich bewiesen und von namhaften Physikern
anerkannt. Die folgende Textstelle ist nicht untypisch (S. 79, Z. 22ff):
Abdus Salam und Mitarbeiter vermuten, daß es "Minis" [so nennt
Meckelburg Miniatur-Schwarze Löcher, M.P.] auf verschiedenen
Organisationsebenen gibt, so unter anderem auch in einem hypothetischen "
Biogravitationsfeld", einem Schwerefeld begrenzter Reichweite, das aus
schweren, selbstorganisierenden "Gravitonen" besteht. Jedes dieser
Biogravitonen soll ein eigenes gekrümmtes, vielfältig
verflochtenes Raumzeit-Kontinuum erzeugen und Vorgänge im typischen
biologischen Organisationsbereich steuern. Salam spekuliert, daß die
"Blasen" [gemeint sind die Mini-Schwarzen und -Weißen Löcher,
M.P.] im Biogravitationsfeld viel größer als die normalen Minis
sind. Mit einem Durchmesser von etwa 0,001 mm könnten sie daher
unsere sensorischen Wahrnehmungen unmittelbar beeinflußen. Er
vermutet sogar, daß sich viele Psi-Phänomene durch die Existenz
von Biogravitations-Wurmlöchern erklären lassen, die direkte,
mehrdimensionale Verbindungen mit lebenden Systemen ermöglichen, wie
dies z.B. bei Telepathie, Hellsehen oder Vorauswissen der Fall ist.
Das sind starke Behauptungen. Abdus Salam, Direktor des internationalen
Zentrums für theoretische Physik in Trieste, ist ein ernstzunehmender
Physiker. Er hat an der Theorie der elektro-schwachen Kräfte
mitgearbeitet und dafür 1979 den Nobelpreis für Physik bekommen.
Er ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der theoretischen Teilchenphysik
- gerade richtig, um Meckelburgs These, parapsychologische Theorien
hätten Eingang in die moderne Physik gefunden, zu unterstützen.
Meine erste Reaktion war: Überraschung. Wenn Salam - laut Meckelburg
- solche Theorien vorschlägt, kann dann nicht doch etwas dran sein?
Und doch verwundert, was Meckelburg schreibt: Wurmlöcher "auf
verschiedenen Organisationsebenen"? " Biogravitation"? "Sensorische
Wahrnehmung" von 0,001 mm großen "Mini-Wurmlöchern"? All dies
macht im Lichte der aktuellen physikalischen Erkenntnisse keinen rechten
Sinn. Wie kam es, daß sich jemand wie Salam auf solche
Spekulationen eingelassen hatte?
Fazit
Nach Abschluß dieser Nachforschungen habe ich kein großes
Vertrauen in das, was Meckelburg schreibt. Ich habe den Eindruck,
Meckelburg interpretiere seine Quellen wild um, bis er sensationelle
Aussagen erhält, die er dann in seinem Buch präsentieren kann.
Wie Meckelburg diese Aussagen präsentiert und bewertet erweckt bei
mir den Eindruck, er verfüge weder über allzu große
physikalische Grundkenntnisse (Relativitätstheorie, Narnia) noch sei
habe er einen Überblick über den aktuellen Stand der
physikalischen Forschung (Quasikristalle).
Da unser zeitfreies Bewußtsein aufgrund seines immateriellen
Charakters die Lichtmauer mühelos zu überspringen vermag und
damit jenseits unserer Raumzeit-Welt (im Hyperraum) operiert, kann es dort
womöglich mit Tachyonen zusammentreffen, die mit Informationen
über zukünftige Ereignisse 'beladen' sind.
Was soll man dazu sagen? Was ist mit dem "zeitfreien
Bewußtsein" gemeint? Es klingt zwar gut, aber hat es auch eine konkrete
Bedeutung? Sicher hat die moderne Neurobiologie das Phänomen
Bewußtsein noch nicht erklärt, aber muß es deswegen
immateriell sein? Und warum kann es die Lichtmauer überspringen,
woher wissen wir, welche physikalischen Eigenschaften es hat? Wie kommt
Meckelburg darauf, daß alles was hypothetisch schneller als das Licht ist
gleich jenseits unserer Raumzeit-Welt im Hyperraum sein muß - was
mit der herkömmlichen Physik nicht recht vereinbar scheint? Und wie
kommt er darauf, daß das Bewußtsein überhaupt mit
Tachyonen wechselwirken kann (abgesehen davon, daß ihre Existenz
umstritten ist), zumal "immateriell" doch darauf hinweisen soll, daß
das Bewußtsein eben nicht den für Materie geltenden
physikalischen Gesetzen unterworfen sei? Wie kommt er darauf, daß
Tachyonen mit "Informationen über zukünftige Ereignisse "
beladen sein könnten, und damit im Gegensatz zu allen in der
Quantentheorie vorkommenden Teilchen stünden, die - und das spielt
eine wichtige Rolle - ununterscheidbar sind? Von einer physikalischen
Grundlage aus betrachtet, klingen alle diese Aussagen absurd. Wenn ich
davon ausgehe, daß Meckelburg hier wirklich das meint, was mit den
physikalischen Fachbegriffen, die er verwendet wird, normalerweise
bezeichnet ist, dann handelt es sich nur um wilde, unbegründete
Spekulationen, die im Rahmen der herkömmlichen Physik viele Probleme
aufwerfen. Andererseits könnte es natürlich
sein, daß Meckelburg die verwendeten Begriffe hier
anders definiert als in der herkömmlichen Physik üblich.
Das zeigt das Dilemma solcher recht nebulösen Aussagen - was man
erst umständlich interpretieren müßte, ist nur sehr
schwer zu kritisieren. Man kann gegen solche Sätze insofern
nichts unternehmen, als daß gar nicht klar wird, was sie bedeuten.
Literatur
Fußnoten