Markus Pössels Seiten zur Unorthodoxen Archäologie

Die gefälschte Cheops-Kartusche

[-----------------------------------------]

Von den Themen, mit denen ich mich für Phantastische Wissenschaft beschäftigt habe, haben mir die Recherchen zu den angeblich gefälschten Kartuschen in der Cheops-Pyramide sicherlich am meisten Spaß gemacht. Das dürfte zum einen an meinem allgemeinen Interesse an Ägyptologie liegen, zum anderen an der fruchtbaren Zusammenarbeit die sich ergab als ich feststellte, daß sich Martin Stower ebenfalls intensiv mit diesem Fragekomplex beschäftigte, und sicher auch an "Highlights" wie der Möglichkeit, im British Museum die von Vyse eingesandten Faksimiles in Augenschein nehmen zu können. Dementsprechend schwer ist mir die Entscheidung gefallen, das Thema nicht in die endgültige Fassung meines Buches aufzunehmen.

Zu diesem Thema gibt es bereits einige gute Online-Ressourcen: Eine systematische Darlegung der Geschichte der angeblichen Kartuschenfälschung, eine Widerlegung der Argumente von Zecharia Sitchin, von dem die Behauptung der Fälschung stammt, eine Liste der Autoren, die Sitchins These ungeprüft übernommen haben und eine Vielzahl von sorgfältig recherchierten Hintergrundinformationen findet der Leser auf den entsprechenden Webseiten "Forging the Pharaoh's name" von Martin Stower; für einen deutschsprachigen Abriß der wichtigsten Argumenten gegen die Fälschung (und verwandte Behauptungen Sitchins) sei auf die entsprechenden Seiten von Frank Dörnenburg verwiesen, von der Hauptseite aus über die Punkte Palaeo-SETI -> Pyramiden -> Namensfälschung erreichbar. Zusätzliche deutschsprachige Quellen sind Haase 1996, 1997.

Im folgenden möchte ich, eine Vertrautheit des Lesers mit den grundlegenden Argumenten Pro und Kontra Fälschung voraussetzend, kurz auf einige spezielle Aspekte der Fälschungsthese eingehen.

Die hieratische Schrift

Daß Sitchins Argument, für eine Fälschung spräche der Umstand, daß die betreffenden Inschriften in hieratischer Schrift geschrieben seien, diese Schrift aber erst lange nach Cheops aufgekommen sei, nicht haltbar ist, wird jedem auffallen, der sich halbwegs mit der Sprach- und Schriftgeschichte Ägyptens auskennt. Tatsächlich ist die hieratische Schrift lange vor Cheops' Zeiten entstanden, und ist genau die Schriftart, die man für Bauinschriften wie die betreffenden Königsnamen erwarten würde.

Doch man kann noch weitergehen: Nicht nur, daß hieratische Schrift generell mit der Datierung auf die Zeit des Cheops vereinbar ist - die besondere Form der Zeichen deutet direkt auf ihre Datierung ins Alte Reich vor der sechsten Dynastie hin. Das ergibt sich aus der Paläographie der hieratischen Zeichen: wie diese Zeichen geschrieben wurden, hat sich im Laufe der Jahre und Jahrhunderte verändert, und diese Veränderung des Aussehens läßt sich anhand der Quellen über lange Zeiträume verfolgen (siehe Möller 1909; Goedicke 1988). Auffällig ist ein anhaltender Trend zu immer größerer Vereinfachung.

Ein ganz bestimmter Abschnitt der zeitlichen Entwicklung läßt sich z.B. an dem in der folgenden Abbildung gezeigten Wachtelküken nachvollziehen:

Die hier gezeigten Zeichen sind abgezeichnet aus Goedicke, Old Hieratic Palaeography, S. 17a. Links das Zeichen 305 H.2 von einem Ostrakon aus Helwan, IV. Dynastie; rechts das Zeichen 13, 1b von einem Papyrus aus Abusir, V. Dynastie.

Vor Beginn der fünften Dynastie, den man etwa auf 2450 v.Chr. datiert, werden bestimmte Hieroglyphen, die Lebewesen abbilden, noch relativ detailliert gezeichnet. Beim hier abgebildeten Wachtelküken etwa werden Kopf, Körper und Beine mit mehreren Strichen wiedergegeben (linkes Zeichen). Ab der fünften Dynastie werden auch diese Zeichen weiter vereinfacht, schließlich wird das Wachtelküken mit nur zwei Zügen stark stilisiert gezeichnet, vgl. das rechte Zeichen.

Das Wachtelküken taucht auch im Namen des Cheops auf - es steht für den schwachen Konsonanten "w" (Cheops ist die griechische Form eines ägyptischen Namens, der als "Chwfw" transkribiert wird; Ägyptologen sprechen den entsprechenden Buchstaben entweder als "w" oder als "u" aus). Das Zeichen ist dort geschrieben als

Das hintere "w" in der Chwfw-Kartusche, abgezeichnet von dem Faksimile, das Vyse an das British Museum schickte.

Das Zeichen ist eindeutig im Stil des Hieratischen vor der Vereinfachung der fünften Dynastie wiedergegeben - Körper, Kopf und die zwei Beine sind deutlich ausgeführt. Völlig korrekt also für ein Zeichen einer authentischen Inschrift aus der Zeit des Cheops, eines Königs der vierten Dynastie, und unvereinbar mit Sitchins Szenario eines hieroglyphenunkundigen Vyse, der den Königsnamen laut Sitchin ja aus einem Buch abgepinselt haben soll, in dem der Name nicht in hieratisch, geschweige denn in der richtigen Entwicklungsstufe der hieratischen Schreibungen, sondern in Denkmalshieroglyphen abgebildet war.

Die zwei Königsnamen

Auf die von Sitchin aufgeworfene Frage nach den "zwei Königsnamen" in der Entlastungskammer gehen die von mir zitierten Webseiten nur recht knapp ein; ich will diese Frage im folgenden etwas ausführlicher behandeln.

Laut Sitchin enthalten die Entlastungskammern rätselhafterweise nicht nur einen, sondern gleich zwei Königsnamen Stufen zum Kosmos, S. 303) - ein Umstand, der bereits dem Ägyptologen Samuel Birch merkwürdig vorgekommen sei, wie sich an einer von Birch geschriebenen Expertise ablesen lasse. (Vyse hat Birchs Expertise in seiner eigenen Schilderung seiner Grabungen veröffentlicht, den Operations carried on at the Pyramids of Gizeh in 1837 [1840]. In Sitchins Argumentation spielt die Expertise eine wichtige Rolle; online ist sie auf Martin Stowers Webseiten zugänglich; dort finden sich auch Informationen dazu, wie freizügig Sitchin mit dem umspringt, was Birch schreibt.) Die Entlastungskammern enthielten zum einen die Namensform Chufu (Birchs Lesung: Saufu), zum anderen einen Namen, der damals als Senechuf oder Seneschufu gelesen werden konnte, nach Wilkinson der "Bruder des Suphis" (d.h. des Cheops). Schon Birch habe die Anwesenheit der zwei Königsnamen verwirrt, verrät uns Sitchin, Birch versuche (Stufen zum Kosmos, S. 303, Z. 15f.)

[...] das Problem mit der Frage zu lösen, ob Cheops wohl beide Namen getragen hätte, den ersten als richtigen Namen, den zweiten als Beinamen. [Birch] gelangte jedoch zu dem Schluß, daß "das Vorkommen des zweiten Namens die rätselhaften Inschriften nur noch rätselhafter macht".

Auch zu Zeiten des Flinders Petrie sei das Problem nicht gelöst gewesen, jener habe sich vehement gegen die Annahme gewehrt, mit den beiden Namen sei ein und derselbe Pharao gemeint und ausgesagt, dies sei als die "verheerendste Theorie [..] zu betrachten". Petrie habe für seine Ansicht auch viele Gründe vorbringen können (Stufen zum Kosmos, S. 303, Z. 22).

Der berühmte Ägyptologe Gaston Maspero habe (Stufen zum Kosmos, S. 303, Z. 33f.) "fast ein Jahrhundert nach Vyses Entdeckung [geschrieben], das Vorkommen der beiden Kartuschen und Chnem-chuf habe die Ägyptologen in große Verwirrung gebracht" , und obwohl viele Ägyptologen Petries Meinung, es habe sich um zwei verschiedene Pharaonen gehandelt, teilen, habe sich die Verwirrung wohl nicht mehr gelichtet - "[a]llen vorgebrachten Lösungen zum Trotz ist das Problem rätselhaft geblieben" .

Andererseits, so fährt Sitchin fort, sei die Lösung doch ganz einfach sobald man annähme, die Königsnamen seien von Fälschern nachträglich angebracht worden - eben von Vyse und seinen Kumpanen.

Was hat es mit dieser Argumentation Sitchins auf sich?

Zunächst einmal liegt hier ein kleiner Übersetzungsfehler zwischen der englischen und der deutschen Ausgabe des Stairway to Heaven vor. Birch sagt nichts davon, daß die "rätselhaften Inschriften noch rätselhafter" gemacht würden. Sitchins Originaltext heißt übersetzt etwa (Stairway to Heaven, S. 267.)

Er [Birch] gelangte jedoch zu dem Schluß, daß "das Vorkommen des zweiten Namens als Steinmetzmarkierung in der Großen Pyramide eine weitere peinliche Komplikation" zusätzlich zu den anderen Komplikationen ist.

Daß der Verweis auf die "anderen Komplikationen" außerhalb der Anführungszeichen steht und demnach von Sitchin stammt, und nicht von Birch, verwundert nicht, stellen sich doch die "anderen Komplikationen", die Birch laut Sitchin aufgefallen sein sollen (hieratische Schrift, unbekannte Zeichen, Ra/Ch-Fehler) beim Vergleich mit dem, was Birch in seiner Expertise wirklich schreibt, als Sitchinsche Erfindungen heraus (vgl. hierzu etwa Martin Stowers Ausführungen.

Über dieses Übersetzungsproblem hinaus ist Birchs Aussage bei Sitchin völlig aus dem Zusammenhang gerissen: Birch bezieht sich auf die Leseweise anderer Ägyptologen, namentlich Rosellini und Wilkinson, nach der die Kartusche, die wir heute als Chnmw-Chwfw transkribieren, als "Sen-suphis", "Bruder des Suphis" zu lesen sei. Für diese spezielle, aus heutiger Sicht veraltete Lesart ist die Anwesenheit des zweiten Namens eine "zusätzliche Komplikation", zusätzlich zu den Schwierigkeiten der Übersetzung, die Birch direkt vorher aufgeführt hatte. Daß Sitchin es so klingen läßt, als machten die zwei Namen die Inschriften insgesamt "rätselhaft" , verzerrt bis zur Unkenntlichkeit, was Birch schreibt.

Birch nämlich fährt, ganz und gar nicht verwirrt, direkt im Anschluß fort

Die zwei Namen bereiten allerdings keine Schwierigkeiten. Zu welcher Periode wir uns auch wenden, die Existenz von Beinamen ist unzweifelhaft, und die Gräber in der Nähe der Pyramiden legen reichhaltiges Zeugnis von Namen der sehr frühen Epochen ab, die aus gleichermaßen phonetischen Elementen zusammengesetzt sind wie die der späteren Pharaonen, der Ptolemäer oder der Cäsaren. Ohne die Analogie allzusehr zu überspannen, könnten die beiden Kartuschen Name und Beiname eines Monarchen sein.

Am Schluß gibt Birch zu, diese Deutung sei zur Zeit (also 1837) noch hypothetisch, da er nicht auszuschließen könne, daß die zwei verschiedenen Kartuschen, die an verschiedenen Stellen des großen Bauwerks auftauchten, die Namen von Suphis I. und Suphis II. bedeuteten, also von zwei verschiedenen Königen.

Ohne darauf hinzuweisen, daß Birch die Theorie von Rosellini (die Lesung Sen-Suphis als Bruder des Suphis) aus guten Gründen für falsch erklärt, zitiert Sitchin Birchs Beschreibung dieser Theorie und schließt daran seine eigenen Gedanken an, wieso die Kartuschen zweier verschiedener Pharaos hätten vorkommen können.

Gut möglich, daß die Frage nach den beiden Namen die Ägyptologen einige Zeit lang verwirrte. Seit Anfang dieses Jahrhunderts und auch heutzutage gibt es unter ihnen dagegen keinen Zweifel, daß Birch recht hatte, die beiden Namen dem Pharao Cheops zuzuordnen. Das zeigt sich, wenn man die Namen übersetzt. Sie bedeuten xw(j)=f w(j), "Er schützt mich" beziehungsweise Xnm xw(j)=f w(j), "[Der Gott] Chnum schützt mich".

Dabei gebe ich die übliche Transkription der Hieroglyphenzeichen wie folgt wieder: großes X ist das unterstrichene h, kleines x das h mit einem Bogen darunter. In der Transkription sind die nicht mitgeschriebenen schwachen Konsonanten j eingeklammert (in der Endung des Verbs xwj, schützen, und des abhängigen Personalpronomens wj, hier: "mich"). Der Name Khnumkhufu wird von einigen Ägyptologen etwas anders gelesen, nämlich, mit dem Gottesnamen am Schluß als Apposition, xwj=f wj Xnmw; vgl. etwa Beckerath, Handbuch der ägyptischen Königsnamen (1984), S. 52. Von der Schreibweise her kann nicht zwischen diesen beiden Lesungen unterschieden werden, da die Ägypter die Namen von Göttern (oder auch die Bezeichnung "König") oft ehrerbietig an den Anfang eines Satzes/Ausdrucks verschieben. An der Übersetzung ändert sich dadurch nichts, und meine folgenden Ausführungen bleiben auch bei dieser Lesung gültig.

Wie in der Umschrift sichtbar wird, ist der eine Name eine Kurzform des anderen Namens - der Ägypter gelangt von "Er schützt mich" zu "[Der Gott] Chnum schützt mich" einfach, indem er den Gottesnamen vor den Satz stellt. Ähnliches kennt man z.B. vom hebräischen Namen Nathaniel, "Geschenk Gottes", der auf Nathan, "Geschenk" verkürzt werden kann. Im Ägyptischen sind solche Kurzformen ganz und gar nicht unüblich, gerade weil die vollen Personennamen recht lang sein können (über 600 Beispiele für solche Verkürzungen führt Hermann Ranke in seiner systematischen Studie der ägyptischen Personennamen auf). Insbesondere in der im wesentlichen für das Alte Reich typischen Form, daß der Name ein Nomen enthält, das von einem Pronomen aufgegriffen wird, wie beim hier betrachteten Namen der Fall (Khnum wird vom Suffixpronomen f aufgegriffen: Er, nämlich Khnum, schützt mich) ist ein häufiges Phänomen, daß das Subjekt bei der Verkürzung wegfällt, gerade wie beim Übergang von Khnumkhufu zu Khufu (Ranke 1977, S. 41ff. und 97ff. im Vergleich.) Daß Personennamen der älteren Epochen vielfach verkürzte Formen sind, bei denen der ursprünglich im Namen enthaltene Göttername wegfiel, hatte schon der junge Ägyptologe Konrad Hoffmann gezeigt - in einer Arbeit über Personennamen, die er leider nicht zuende führen konnte, da er im ersten Weltkrieg fiel (Hoffmann 1917, insbes. S. 41ff.).

Eine Lesung des zweiten Namens als "Bruder des Cheops" läßt sich, wie schon Birch argumentiert, nicht aufrechterhalten - es gibt auch heute noch kein einziges Beispiel dafür, daß "Bruder", ägyptisch Transkript sn mit dem Widder geschrieben wird (der nach heutiger Lesart nicht für sn, sondern für Xnm steht).

Die erklärende Übersetzung dieser Art von verkürzten Königsnamen findet sich meines Wissens nach erstmals in einem Artikel des Ägyptologen Max Müller aus dem Jahre 1897 und hat sich dann sehr schnell durchgesetzt. In einigen nachfolgenden Werken wird die Deutung der beiden Namensformen als Namen zweier verschiedener Könige noch kurz in entsprechenden Fußnoten erwähnt (z.B. in Gauthier, Livre des Rois [1907], Band I, S. 74.), aber schon nicht mehr vertreten, in späteren Werken kommt sie überhaupt nicht mehr vor (vgl.J. H. Breasted, Geschichte Ägyptens [1910], S. 110, Fußnote 2; ders., Ancient Records of Egypt, Bd. I, S. 83, Fußnote c; sowie die bereits zitierten Werke zu den ägyptischen Personennamen).

Daß die anfänglichen Schwierigkeiten mit der Namenslesung gerade zu dieser Zeit überwunden werden, ist kein Zufall - es ist dies die Zeit des Berliner "Wörterbuchprojekts" (vgl. Seidlmayer 1999), in dem eine Gruppe von Ägyptologen in jahrelanger Arbeit eine möglichst umfangreiche, systematische Sammlung ägyptischen Belegstellen zusammenstellten um einen Grundstock für zukünftige Übersetzungen, aber auch allgemeiner für genauere Studien der Grammatik zu legen. Bis zur Veröffentlichung des Wörterbuchs selbst sollten Jahrzehnte vergehen; doch quasi "nebenbei" ergab die systematische Auswertung des Materials bereits vorher Erkenntnisse sowohl über Wortbedeutungen wie auch allgemeiner über die ägyptische Grammatik, die sich, an einer Vielzahl von Belegstellen verankert, auf sichere Beine stellen ließen. Auch die erwähnte Abhandlung zu ägyptischen Personennamen von Ranke ist ein Nebenprodukt der Wörterbucharbeit - die bei der Textauswertung auftretenden Eigennamen wurden getrennt auf Karteikarten gesammelt ("verzettelt"), und diese Sammlung hat Ranke für seine Studie ausgewertet. Vor dem Hintergrund der besseren Kenntnisse waren die beiden verschiedenen Namensformen auf einmal nur noch ein Spezialfall einer gut verstandenen und an vielen Beispielen belegten Namenskonstruktion. Mag es vorher Verwirrung ob der verschiedenen Namensformen gegeben haben - spätestens zu diesem Zeitpunkt war diese Frage geklärt.

In der nach der Jahrhundertwende veröffentlichten ägyptologischen Literatur, die Cheops anspricht, konnte ich, wen wird es angesichts dieser Lage überraschen, überhaupt keinen Hinweis mehr darauf finden, daß die Ägyptologen ob der beiden Namensformen in irgendeiner Weise verwirrt gewesen wären. Auch die von Sitchin zitierte Bemerkung Masperos ist ein historischer Rückblick: Im Haupttext des entsprechenden Buches wird festgestellt, der eine Name des Cheops sei eine Verkürzung des anderen, und in einer Fußnote finden sich der von Sitchin erwähnte Satz zur Verwirrung der Ägyptologen durch die beiden Namen sowie Verweise auf Ägyptologen, die gemeint hätten (Vergangenheitsform!), hier handle es sich um zwei verschiedene Könige, und auf den erwähnten Artikel von Müller (Maspéro 1895, S. 363f.).

Was ist dann aber mit den Gründen Petries? Auch hier darf man sich nicht auf Sitchin verlassen, sondern muß zur Quelle zurückgehen und das, was Petrie schreibt, im Zusammenhang lesen (Petrie 1883, S. 152). Im Original lautet die Stelle

The most destructive theory about this king is that he is identical with Khufu, and that the ram is merely a symbol of the god Shu, and put as "the determinative in this place of the first syllable of the name".

Die "verheerendste Theorie" ist für Petrie nicht die Behauptung, es handle sich um ein und desselben König. Es ist die Behauptung, die beiden Namen seien identisch zu lesen und der Widder stelle lediglich ein Deutezeichen ohne Lautwert dar - eine Auffassung, die auch heute noch gültig ist: tatsächlich ist der Widder kein stummes Deutezeichen (das vertrüge sich auch nicht mit seiner Stellung am Namensanfang), und es handelt sich nicht um identische Schreibungen, sondern die eine Namensform ist eine Kurzform der anderen. Nach dem zitierten Text geht Petrie dementsprechend auch gar nicht auf Argumente für oder wider die Identität der Hinter den Namen Chufu und Chnumkhufu stehenden Personen ein, sondern allein auf die Behauptung, beide Namen seien identisch als "Chufu" zu lesen, und der Widder in Khnumkhufu sei lediglich ein Bestimmungszeichen ohne Lautwert.

Zu der Frage der Identität der hinter den beiden Namen stehenden Personen schreibt Petrie selbst elf Jahre später in seiner History of Egypt (Petrie 1894, S. 43), daß die beide Namen die eines einzelnen Königs seien sei die wahrscheinlichste Lösung. Das Argument, das Petrie dafür anführt, daß es sich allerdings um zwei verschiedene Namen desselben Königs handeln müsse (im Gegensatz zur heutigen Auffassung des einen als Kurzform des anderen Namens) ist allerdings nicht zwingend: Er argumentiert, daß die Namen in einem Grab aus dem Alten Reiches (Grab des Chemtet, vgl. Lepsius, Denkmäler Abth. II, Blatt 26) in fast direkter Abfolge hintereinander aufträten, schlösse aus, daß dies Varianten ein und desselben Namens des Königs seien. Allerdings ist das entsprechende Relief stark zerstört, und Petries Lesung ist nicht zwingend. Möglich ist auch, daß der zweite Name, Khufu, nicht mehr Teil der Königstitulatur ist, sondern als Name einer Ortschaft auftaucht. Eine Reihe solcher Ortsnamen sind überliefert (siehe etwa Blatt 23 im selben Band der Denkmäler), der Ausdruck könnte Teil der Titulatur und der Beinamen des Grabinhabers Chemtet sein, der in dieser Deutung eben unter anderem auch als "Vorderster von [Ortsname, der den Namen Khufu enthält]" tituliert wäre.

Im Gegensatz zu dem, was Sitchin schreibt, nennt Petrie keineswegs "die vielen Gründe, die beweisen, daß es sich bei den Namen um zwei verschiedene Könige handelt" (Stufen zum Kosmos, S. 303, Z. 26 f.), sondern er argumentiert gegen eine ganz bestimmte, heutzutage veraltete Lesung der Chnum-Chufu-Kartusche.

Auch dieses Argument Sitchins hält keiner näheren Untersuchung stand und beruht letzlich darauf, daß Sitchin Aussagen von Birch, Maspero und Petrie aus dem Zusammenhang reißt sowie die neueren Erkenntnisse der ägyptologischen Forschung ignoriert.

Markus Pössel, 1993-1998, Online-Version Feb. 2001

Literatur

Beckerath, Jürgen von: Handbuch der ägyptischen Königsnamen (Münchner Ägyptologische Studien 20). Dt. Kunstverlag: München 1984.

Gauthier, Henri: Le Livre des Rois d'Égypte. Band I.: Des Origines à la fin de la XIIe Dynastie (MIFAO 17). Institut Français d'Archéologie Orientale: Kairo 1907.

Goedicke, Hans: Old Hieratic Paleography. Halgo, Inc., Baltimore 1988.

Haase, Michael: "Die Zeichen des Cheops" in Ancient Skies, Nr. 6/1997; Reaktionen darauf in Ancient Skies Nr. 1/1998.

Haase, Michael: "Das Chufu-Syndrom" in G.R.A.L. 3/1996, S. 150-164.

Hoffmann, Konrad: "Die Theophoren Personennamen des Älteren Ägyptens" (hrsg. von K. Sethe als Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Ägyptens, Band 7.) J. C. Hinrichs: Leipzig 1917.

Lepsius, Carl Richard: Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Nicolai: Berlin 1849-59.

Maspéro, Gaston: Histoire Ancienne des Peuples de l'Orient Classique. Librairie Hachette: Paris 1895.

Müller, Max: "Bemerkung über einige Königsnamen" in Recueil de Travaux Relatifs a la Philologie et l'Archéologie Egyptiennes et Assyriennes 9 (1897), S. 176-177.

Petrie, W. Flinders: A history of Egypt from the Earliest Kings to the XVIth Dynasty. Methuen: London 1894.

Petrie, W. Flinders: The Pyramids and Temples of Gizeh. (1. Ausgabe). Field & Tuer u.a.: London; Scribner & Welford: New York 1883.

Ranke, Hermann: Die Ägyptischen Personennamen, Band 2. J. J. Augustin: Glückstadt/Hamburg und New York 1977.

Seidlmayer, Stephan J: Altägyptisches Wörterbuch. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Berlin 1999.

Sitchin, Zecharia: "The Great Pyramid Forgery" in Fate, July 1993, S. 47-58.

Sitchin, Zecharia: Am Anfang war der Fortschritt. Droemer--Knaur: München 1990.

Sitchin, Zecharia: "Cayce was right: `Forgery' in the Great Pyramid" in Venture Inward November/December 1986, S. 33-37.

Sitchin, Zecharia: "Forging the Pharaoh's Name", Ancient Skies Vol. 8(2), May/June 1981.

Sitchin, Zecharia: Stufen zum Kosmos (deutsche Ausgabe des folgenden Buches). Edition Sven Erik Berg der Europabuch AG: Unterägeri 1982.

Sitchin, Zecharia: Stairway to Heaven. 1980.

Vyse, Richard William Howard: Operations carried on at the Pyramids of Gizeh in 1837. 2 Bde. James Fraser: London 1840. URL of this page: http://www.aei.mpg.de/~mpoessel/Archaeo/cheopsfaelschung.html