Wir verlieren einen brillanten Wissenschaftler und einen herausragenden akademischen Lehrer. Er war uns stets
Vorbild und väterlicher Freund zugleich.
Das Kollegium und die Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut).
Jürgen Ehlers, einer der angesehensten und einflussreichsten deutschen Wissenschaftler seiner Generation, ist sehr plötzlich und unerwartet am 20. Mai 2008 verstorben. Wir verlieren mit ihm nicht nur einen Spezialisten auf dem Gebiet der Allgemeinen Relativitätstheorie, sondern auch einen Humanisten und Generalisten mit leidenschaftlichem Interesse an den Grundlagen der Naturerscheinungen. Aufgrund dieser besonderen Fähigkeiten spielte Ehlers eine führende Rolle bei der Wiederbelebung der Forschung an der Relativitätstheorie im modernen Deutschland: von den ersten Anfängen in den 1950iger Jahren bis zum Aufblühen des Faches im letzten Jahrzehnt. Das Institut, das er 1995 in Potsdam gründete, das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (besser bekannt unter seinem Ehrennamen „Albert-Einstein-Institut“, AEI), entwickelte sich zum größten Institut seiner Art weltweit. In ihm wird die Erinnerung an sein wissenschaftliches Leben einen würdigen Ort haben.
Ehlers, Jahrgang 1929, studierte in den 1950iger Jahren in Hamburg Mathematik und Physik. Die Gelegenheit, bei Pascual Jordan, einem der Pioniere der Quantenphysik, die Relativitätstheorie erforschen zu können, gab letztlich den Ausschlag für die Physik. Zu jener Zeit regte sich unter den theoretischen Physikern nach Jahrzehnten der Vernachlässigung das Interesse an Allgemeiner Relativitätstheorie. Jordan gehörte zu einer Handvoll führender Persönlichkeiten weltweit, die spürten, dass die Zeit reif dafür war, ein tieferes Verständnis der Allgemeinen Relativitätstheorie zu gewinnen, um sie schlussendlich zu einer vollständigen Quantentheorie der Gravitation zu erweitern. Wichtige Forschungsziele waren das Verständnis von Gravitationswellen und von Phänomenen, die wir heute als „Schwarze Löcher“ bezeichnen. Jordan und seine Schüler, unter ihnen Jürgen Ehlers, gehörten zu den Pionieren dieser Wiederbelebung.
Nach Gastprofessuren an mehreren Universitäten in Deutschland und den USA, die 1967 in einer Professur an der Universität von Texas in Austin gipfelten, wechselte Ehlers 1971 als Wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik nach München. Institutsdirektor Ludwig Biermann lud Ehlers ein, sich dem astrophysikalischen Teil des Instituts anzuschließen, denn hier begann man gerade mit der Forschung an Gravitationswellen, was letztendlich zum Bau des deutschen Detektors GEO600 führte. Als der astrophysikalische Teil des Max-Planck-Instituts 1979 in ein neues Gebäude nach Garching außerhalb Münchens zog, zogen Ehlers und seine Arbeitsgruppe ebenfalls mit um, zusammen mit den an Gravitationswellen forschenden Experimentalisten. Ehlers’ klares Bekenntnis zur Astrophysik reflektierte seine tiefe Überzeugung, dass die wichtigsten Aspekte der Allgemeinen Relativitätstheorie diejenigen sind, die mittels astronomischer Beobachtungen überprüft werden können.
Gleichwohl blieb Ehlers ein der Mathematik verpflichteter Physiker, der stets darauf bestand, die großen physikalischen und astrophysikalischen Fragen der Relativitätstheorie mit soviel mathematischer Strenge und Sorgfalt wie möglich zu beantworten. Dabei hatten stets diejenigen Fragen, die das Universum selbst stellt, für ihn die größte Bedeutung. Die Entdeckung des ersten Pulsars in einem binären System durch Russell Hulse und Joseph Taylor im Jahr 1974 stellte einen Wendepunkt für die Relativitätstheorie dar. Es war sofort offensichtlich, dass das System die erste Gelegenheit bieten würde, die Theorie der Gravitationswellen durch Beobachtungen einwandfrei zu überprüfen: die beiden Sterne, die einander auf spiralförmigen Umlaufbahnen umkreisen und sich dabei allmählich näher kommen, verlieren Energie in Form von Gravitationswellen. Ehlers begriff schnell, wie wichtig das Resultat dieser Beobachtungen sein würde und wies auf den ganz und gar nicht befriedigenden Entwicklungsstand der Theorie der Gravitationswellen hin. Die präzise Überprüfung der Relativitätstheorie durch astronomische Beobachtungen konnte nicht gelingen, bevor nicht die Relativisten die Theorie besser verstanden hatten.
Während der nächsten zehn Jahre brachte Ehlers mit bemerkenswertem Erfolg sowohl seine eigenen Mitarbeiter als auch Wissenschaftler auf der ganzen Welt dazu, genau dies zu tun. Für die 1993 mit dem Nobelpreis prämierten Arbeiten von Hulse und Taylor, den seit den 1990iger Jahren weltweit erfolgten Bau riesiger Gravitationswellendetektoren und den Einsatz moderner Supercomputer für die Vorhersage der Gravitationswellenstrahlung von Neutronensternen und Schwarzen Löchern existieren heute gesicherte theoretische Grundlagen. Dies ist auch ein Verdienst von Jürgen Ehlers, der stets darauf bestand, dass die Modelle der Allgemeinen Relativitätstheorie trotz ihrer Komplexität mathematisch streng zu behandeln sind.
Immer auf der Suche nach großen Herausforderungen, wandte sich Ehlers in den späten 1980iger Jahren der Forschung an einer weiteren Vorhersage Einsteins zu: der Krümmung des Lichts unter dem Einfluss der Schwerkraft. Erneut wurde er angeregt durch eine gerade erfolgte astronomische Entdeckung: die der Gravitationslinsen, bei denen Teleskope Mehrfachbilder desselben Objekts sehen. Sie entstehen, wenn das Licht auf dem Weg zur Erde das Gravitationsfeld einer dazwischen liegenden Galaxie auf unterschiedlichen Bahnen durchquert. Wieder gab es Lücken in der Theorie und Ehlers spornte junge Wissenschaftler in Garching dazu an, sie zu schließen. Heutzutage ist die Beobachtung von Gravitationslinsen ein zentrales Instrument der Astronomie, u. a. um zu beweisen, dass das Universum viel mehr Dunkle Materie enthält als Sterne und sichtbare Galaxien. Die Beschaffenheit dieser Dunklen Materie ist bislang nicht bekannt, sicher ist allerdings, dass sie sich nicht aus Protonen, Elektronen und Neutronen – den Bausteinen unserer Welt – zusammensetzt. Ehlers’ junge Mitarbeiter haben später dieses Gebiet der Astronomie mit maßgeblichen Beiträgen voran gebracht.
Ehlers’ Forschung an der Schnittstelle von Mathematik und Physik hatte auch bedeutende Auswirkungen auf die Entwicklung der Mathematik selbst. Er initiierte mehrere neue Forschungsthemen in Analysis und Differentialgeometrie. Von besonderer Bedeutung ist seine Theorie der Referenzsysteme („frame theory“), die einen entscheidenden mathematischen Zusammenhang zwischen den Konzepten der klassischen Physik und der geometrischen Sprache der Allgemeinen Relativitätstheorie herstellt. Die frame theory erlaubt den quantitativen Vergleich der unterschiedlichen mathematischen Modelle, mit denen Newtons und Einsteins Gravitationstheorien dasselbe physikalische System beschreiben. Dies ist eine zentrale Frage, denn viele experimentelle Überprüfungen der Allgemeinen Relativitätstheorie stützen sich auf Messungen geringfügiger Änderungen von Bewegungen im Sonnensystem im Vergleich zu den auf Grundlage der Newtonschen Gravitationstheorie vorhergesagten Daten. Ehlers hatte die seltene Gabe, physikalische Fragen mathematisch präzise formulieren zu können. Die mathematische Forschung an Einsteins Gleichungen wird noch auf Jahre hinaus von seinem Einfluss geprägt sein.
Im Jahr 1990 hatte Ehlers, wie er später sagte, „die eine gute politische Idee seines Lebens“: Er schlug der Max-Planck-Gesellschaft die Gründung eines Instituts mit dem Forschungsschwerpunkt Gravitation vor. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands sollte das Netzwerk der Max-Planck-Institute auf die neuen Bundesländer ausgedehnt werden, und Ehlers ahnte, dass ein Institut in Potsdam nahe Berlin nicht nur wissenschaftlich wichtig wäre. Vielmehr würde Deutschland damit auch der von den Nationalsozialisten praktizierten Verunglimpfung der Person Einsteins endlich ein sichtbares Zeichen entgegensetzen. Die Nazis hatten Einstein aus Berlin und Deutschland vertrieben und die Forschung an der Relativitätstheorie vollkommen zum Erliegen gebracht. Ehlers’ hohes wissenschaftliches Ansehen öffnete ihm die Türen zur Politik, und das Ergebnis war die Gründung des Albert- Einstein-Instituts in Potsdam im Jahr 1995.
Jürgen Ehlers hatte eine Vision vom Forschungsspektrum des AEI, die sein breites Wissen und sein Interesse an der Relativitätstheorie im Ganzen widerspiegelte. Dies betraf auch Themen, die seiner eigenen Forschung fern lagen. Er sah die gesamte Relativitätstheorie unter einem Dach vereint: Neben Astrophysikalischer Forschung an Schwarzen Löchern und Gravitationswellen auch die Suche nach streng mathematischen Antworten auf Fragestellungen, die sich aus astronomischen Beobachtungen ergeben. Darüber hinaus Forschung mit dem Ziel einer Quantentheorie der Gravitation: eben jenes Ziel, welches zur Wiederbelebung der Relativitätstheorie in den 1950iger Jahren geführt hatte und das bis heute nicht erreicht ist. Heutzutage finden sich unter dem Dach des AEI zwei Institutsteile: ein theoretisches Teilinstitut in Potsdam-Golm und ein experimentelles in Hannover, das den Gravitationswellendetektor GEO600 betreibt und eine Schlüsselrolle in der Entwicklung zukünftiger erdgebundener und satellitengestützter Detektoren spielt. Das Institut hat etwa 200 Mitarbeiter und jährlich 200 wissenschaftliche Gäste, es beherbergt einige der weltweit schnellsten Supercomputer und betreibt den Gravitationswellendetektor GEO600. Am AEI werden zahlreiche Konferenzen und Workshops veranstaltet, eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift wird publiziert und weitere Zeitschriften mit herausgegeben. So erfüllt das Albert- Einstein-Institut in großartiger Weise Ehlers’ ursprüngliche Vision, dass die Relativitätstheorie sich dann am besten weiter entwickeln könne, wenn alle ihre Teilgebiete miteinander verbunden sind und in regem Austausch stehen.
In den letzten Jahren widmete Ehlers seinem lebenslangen Interesse an Wissenschaftsgeschichte und der Bedeutung und Wichtigkeit von Wissenschaft für die Gesellschaft mehr Zeit. Dafür engagierte er sich in öffentlichen Debatten und mit Publikationen. Er war zutiefst davon überzeugt, dass rationales Denken und die wissenschaftliche Methode wichtige Bestandteile einer zivilisierten Gesellschaft sind. Dabei warb er dafür, die wissenschaftliche Methode als menschliches Unterfangen zu verstehen, als eine immer weiter gehende Suche nach einer tieferen Realität und nicht als bloße Produktion in Stein gemeißelter Gesetze.
Jürgen Ehlers wurden viele Ehrungen zuteil: 2002 erhielt er die Max-Planck-Medaille der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, im „Einsteinjahr“ 2005 die Volta-Medaille in Gold der Universität Pavia, und kürzlich (2007) die Gedächtnismedaille der Karls-Universität in Prag. Er war Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, der Deutschen Akademie für Naturforscher Leopoldina und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 1995 wählten ihn seine wissenschaftlichen Kollegen für drei Jahre zum Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für Allgemeine Relativitätstheorie und Gravitation. Aber trotz dieser Ehrungen und seines bedeutenden Einflusses wird Ehlers denen, die ihn kannten, stets als ein bescheidener Mensch und Gentleman in Erinnerung bleiben. Seine Führungsrolle als Lehrer und Mentor beruhte auf seinen tiefen wissenschaftlichen Einsichten. Er war vorbildlich auch in seinem Respekt für seine Kollegen und Mitarbeiter.
Jürgen Ehlers wird von seinen wissenschaftlichen Kollegen schmerzlich vermisst werden. Sie trauern mit der Familie, die er zurücklässt: Seine Frau Anita, seine Kinder Martin, Kathrin, David und Max, sowie seine fünf Enkelkinder.
Die Direktoren des Albert-Einstein-Instituts
Der große Gravitationsforscher ist überraschend verstorben.
Ende April standen wir noch zusammen: Jürgen Ehlers, Anton Zeilinger und ich. Anlass war der Festakt zum 150. Geburtstag von Max Planck, veranstaltet in Berlin von der Max-Planck-Gesellschaft und weiteren Institutionen. Im prunkvollen Festsaal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt hatte Zeilinger, der geniale Quantenphysiker aus Wien, gerade seinen Festvortrag gehalten, Volker Schlöndorff hatte Max Planck verblüffend echt dargestellt.
Jungenhaft, beinah wie immer, die Augen vielleicht nicht mehr ganz so blitzend, berichtete Jürgen Ehlers, einer der führenden Relativitätstheoretiker Deutschlands, vor dem Festsaal – passend zum Festanlass – über seine Lektüre von Astrid von Pufendorfs Buch „Die Plancks“ und sein Interesse für die Entstehung von Begriffen und Konzepten in der frühen Quantenphysik.
Ehlers und ich hatten nicht nur wissenschaftlich
zusammengearbeitet, sondern wir waren auch befreundet, seit ich in München sechs Jahre in seiner
Gruppe „Gravitationstheorie“ am Max-Planck-Institut für Astrophysik arbeiten konnte. Mit guten
Freunden spannenden Forschungsfragen nachgehen – das habe ich immer geliebt. Aber mit einem so
brillanten Denker zu diskutieren und den vertrackten Fragen der Gravitation nachzugehen – das beflügelt.
Ich studierte noch in Würzburg, als Ehlers erstmals leibhaftig in meinem Leben auftauchte. Auf Einladung des
dortigen Theorieprofessors hielt er eine semesterlange Vorlesung – und zog uns auf den harten Weg durch die
Differentialgeometrie und einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie (ART), natürlich alles total invariant
im schicken Formalismus des Differentialkalküls. Ich legte die Ohren an, denn mathematisch zeigte uns der
Dozent aus dem fernen Austin/Texas die Latte, unter der heute über Kosmos, Schwarze Löcher und
Gravitationswellen nicht diskutiert werden sollte. Ich war beeindruckt und versuchte genau, dieser
Spur zu folgen.
Die berühmten Hamburg-Papers
Inzwischen wusste ich auch über seine akademische Herkunft Bescheid. In Hamburg hatte Pascual Jordan, einer der
Pioniere der Quantenphysik in den 1920 und 1930er Jahren, in den 1950er Jahren eine Forschungsgruppe für
Gravitationsphysik aufgebaut. Unter diesen Nachwuchsforschern stach Jürgen Ehlers früh hervor. Schon in
seiner Doktorarbeit erkannte er, dass das Gravitationsfeld im Innern der Fläche, die später als die
Oberfläche eines Schwarzen Lochs identifiziert wurde, notwendig dynamisch ist, sich also zeitlich
verändern muss, während es außerhalb zeitlich konstant ist.
Am Lehrstuhl Jordan war er, zusammen mit dem Theoretiker Engelbert Schücking (New York), sicher die treibende Kraft,
die relativistischen Grundprobleme mit Verve und mathematischer Schärfe zu attackieren. Aus diesen Arbeiten entstanden
sie: die „Hamburg-Papers“. So habe ich die Artikel immer genannt. Der bedeutende britische Mathematiker Felix
Pirani, der Grundlegendes zum Konzept der Gravitationsstrahlung beigetragen hatte, nannte diese Publikationen „The Bible“.
Erschienen sind sie alle in der Mainzer „Akademie der Wissenschaften und der Literatur“, der Jordan angehörte.
Leider auf Deutsch, muss man rückblickend sagen. Denn Deutsch war nach dem Zweiten Weltkrieg in
Folge der Professorenvertreibung in den 1930ern als Wissenschaftssprache weit gehend obsolet geworden.
Viele der neuen Ideen und Ergebnisse in den Hamburg-Papers wurden so von den Forschern in England
oder den USA gar nicht bemerkt. Nicht wenige davon wurden erst Jahre später dort neu „erfunden“.
Jedenfalls bestellte ich die Arbeiten einmal, da war ich bereits in Ehlers Arbeitsgruppe in München,
mit einer Postkarte bei der Mainzer Akademie. Zu meiner Verblüffung wurden mir alle Sonderdrucke
prompt, formlos, kostenlos und vollständig zugeschickt. Das ist eben eine Akademie! Jetzt habe ich
sie noch einmal aus dem Regal geholt. Der erste Beitrag stammt aus dem Jahr 1960 und behandelt
„Strenge Lösungen der Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie“ von Pascual Jordan,
Jürgen Ehlers und Wolfgang Kundt (später in Bonn).
Das war zweifellos eine der ersten systematischen Analysen dieses Themas, wegweisend für zahlreiche
Folgestudien. Die weiteren Beiträge widmen sich „der reinen Gravitationsstrahlung“ (mit Rainer Sachs),
„Gravitations-Strahlungsfeldern“ (mit Manfred Trümper) oder auch, von Jürgen Ehlers allein gezeichnet,
der „relativistischen Mechanik kontinuierlicher Medien“.
Zwei Grundtypen der Erkenntnisgewinnung
Das sind ganz offensichtlich die Themen, die ihn ein Forscherleben lang fesselten.
Und wie ich ihn stets erlebte, bekannte er sich für die Erkenntnisgewinnung zu den
zwei Grundtypen: einmal der kühne, sich nach vorne tastende, auf unsicherem Gelände
agierende Forscher, der manchmal spekulativ mit neuen, unerprobten Konzepten und
Ideen ringt. Daneben der zweite Typus: der sich existierende Theorien vornimmt,
auf ihre Schwachstellen abklopft, die Konzepte, Grundannahmen oder Axiome präzisiert
und mathematisch „streng“ als konsistentes Gebäude mit Satz und Beweis aufbaut.
Jedes Forschungsgebiet braucht, das lernt schon Doktoranden, beide Charaktere. Der erste, voranstürmende konfrontiert sich etwa mit neuen, womöglich widersprüchlichen Beobachtungen oder Messungen, setzt die Fantasie in Gang und findet manchmal das Juwel, das auch die Kollegen beeindruckt und überzeugt. Der zweite agiert eher im Hintergrund und stellt sich in den Dienst der formalen Klärung womöglich formal dubioser Theorieansätze. Jeder Student profitiert davon, wenn nach dieser Konsolidierung eine Theorie physikalisch effektiv, mathematisch fundiert und hoffentlich auch noch elegant formuliert in den Lehrbüchern steht.
In seinen Münchener Jahren ab 1971 holte er sich, Jordan nicht unähnlich, wieder gute Leute zusammen – etwa den Engländer John Stewart aus Cambridge, den Kanadier Martin Walker und Bernd Schmidt aus Hamburg. Auch der Astrophysiker Gerhard Börner, der schon am MPI war, schloss sich dem Kreis an. Dazu stießen immer wieder junge Theoriestars zeitweise zu der Gruppe, so der Inder Abhay Ashtekar (Pittsburgh), Robert Beig (Wien), Thibaut Damour (Paris), Gary Gibbons (Cambridge), Brandon Carter (Meudon) oder Demetrios Christodoulou (ETH Zürich). Dass es in diesem Umfeld anregend und fordernd zugleich zuging, erklärt sich von selbst.
Wegen der zwei Seelen in seiner Brust suchte Jürgen Ehlers zwar einerseits nach einer exakten Lösung der ART, die etwa einen Stern mit seiner eigenen Gravitationsausstrahlung verkoppelt. Eine realistische solche Lösung ist bis heute nicht entdeckt. Zugleich aber motivierte er seine Mitarbeiter (wie auch mich) dazu, dieses Problem ganz pragmatisch mit Näherungsverfahren aufzurollen – schließlich ging es auch um Physik. Gravitationswellen wurden 1976 erstmals indirekt nachgewiesen und werden in nicht zu ferner Zukunft wohl auch direkt mit Laserinterferometern entdeckt werden. Da hat man wohl besser eine Ahnung, wie solche Beobachtungen zu deuten sind! Mehrfach hat mich Jürgen Ehlers damit verblüfft, wie er haarige mathematische Probleme mit Hartnäckigkeit und Eleganz zugleich auflöste. Da konnte ich nur staunen. Später hat er sich ebenso intensiv (zusammen mit Peter Schneider, Bonn) mit Gravitationslinsen beschäftigt – ein Phänomen, das seitdem vor allem für die Entdeckung Dunkler Materie im All bedeutsam wurde.
Auch die Popularisierung lag ihm durchaus am Herzen, meine frühen journalistischen Arbeiten unterstützte er, publizierte aber auch selbst zusammen mit Gerhard Börner in unserem Verlag den Reader „Gravitation“, ein bis heute hoch spannendes Kompendium der laufenden Forschung (G. Börner und J. Ehlers (Hg.), „Gravitation“, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1996).
Der Grenzfall Newton
Immer wieder hat er sich in München auch einem Thema gewidmet, das in Fachkreisen als
„newtonschen Limit“ bekannt ist. Schon Einstein war klar, dass seine ART nur funktionieren
würde, wenn sie im Sonnensystem – also für sehr schwache Schwerefelder und kleine
Geschwindigkeiten – mit der üblichen Theorie Newtons übereinstimmte. Und so hatte Einstein
auch kaum Mühe, aus seinen 1915 gefundenen Feldgleichungen das newtonsche Gravitationsgesetz
abzuleiten. Diese Rechnung war vielleicht nicht besonders elegant oder präzise, stellte aber
jeden zufrieden, verankerte sie die neue Theorie doch im klassischen Weltbild. Dieser Limit
ließ sich aber auch mathematisch exakt darstellen: der nichtrelativistische Raum mit Newtons
absoluten Zeit als Grenzwert einer relativistischen, vierdimensionalen Raum-Zeit?
Ehlers hat diese trickreiche Grenzwertbildung, von fundamentaler Bedeutung für die
Interpretation der ART, mathematisch vollständig aufgeklärt.
Auf zwei Aspekte von Jürgen Ehlers Wirken will ich eingehen: den Vortragenden und den Strukturbildner. Wer ihn je im Vortrag erlebte, weiß, was ich meine: Klar, konzis, fast druckreif und bis in die letzte Nebenbemerkung abgewogen und auf den Punkt, lieferte er stets eine auch rhetorisch brillante Darstellung eines bestimmten Themas. Ich gestehe gerne, dass ich, als er einmal über eine gemeinsame Arbeit im Seminar vortrug, erst dabei und danach die Sache „wirklich“ kapierte, an der ich doch schon Monate geackert hatte. Auch zu Einsteins 100. Geburtstag war Ehlers ein gefragter Redner und konnte die Hintergründe und Schwierigkeiten, mit der viele große Denker zwischen 1900 und 1916 rangen, luzide erläutern.
Für die zukünftige Rolle der Gravitationsforschung in Deutschland ist aber kaum zu überschätzen, was Ehlers fast unmittelbar nach der „Wende“ von 1989 gelang. Da witterte Ehlers die einmalige Chance! In einer für ihn eigentlich untypischen Rolle überlegte der Theoretiker sich, wie man diesem Thema ein eigenes Max-Planck-Institut widmen könnte. Methodisch wie immer, lernte er praktisch aus dem Stand das wissenschaftspolitische Powerplay, das man für so einen Akt beherrschen musste. Er fand die Unterstützung der MPG-Spitze, ging zu Wissenschaftsministern in Potsdam – und alsbald stand, es war fast ein Wunder, der Beschluss und rasch auch der Neubau: das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) im Dörfchen Golm bei Potsdam, inzwischen ergänzt durch ein Zweiginstitut in Hannover, wo das Gravitationsteleskop GEO600 steht. Jürgen Ehlers war dann erster Direktor des Instituts bis zu seiner Emeritierung 1998.
Er liebte aber auch zu diskutieren, suchte dabei stets den grundsätzlichen Aspekt. Sogar mit „Spinnern“ hatte er Geduld und lud sie manchmal zum Gespräch. Spinner sind übrigens solche Zeitgenossen, die Forschungsinstitute und Redaktionen seit Jahr und Tag mit großteils wirren „Theorien“ bombardieren, sich dann aber als jeder Kritik unzugänglich erweisen. (Einmal saß ich bei einer solchen „Debatte“, als Ehlers den Besucher direkt fragte: „Sollten Sie nicht selbst zuallererst Ihre eigene Theorie in Frage stellen und so kritisch wie möglich überprüfen?“ „Ganz falsch!“, rief dieser. „Wenn ich schon selbst an meiner Theorie zweifle – wie sollte ich dann jemals auch einen anderen davon überzeugen?“)
Dass Jürgen Ehlers im akademischen Disput
die Klingen trefflich kreuzen konnte, habe ich zu meinem großen Vergnügen mehrfach
erleben können. Einmal fuhr ich noch als Student von Würzburg nach Erlangen, um ihn
dort im Streitgespräch mit Paul Lorenzen („Erlanger Konstruktivismus“) zu sehen.
Es gab weder Sieger noch Besiegte, doch erinnere ich mich, dass Lorenzen immer,
wenn es argumentativ eng für ihn wurde, Zuflucht zur Ironie suchte, um so einer
Gedankenfalle zumindest rhetorisch zu entgehen.
Im Jahr 2001 lud ich Ehlers zu
einem Streitgespräch mit dem Soziologen und Niklas-Luhmann-Schüler Rudolf Stichweh
(Luzern). Es ging um „Die Wahrheit in der Wissenschaft“ (siehe Spektrum der
Wissenschaft, Juli 2001, S. 70). Wir trafen uns in Berlin in den Räumen der
Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, deren Gründungsmitglied
er auch war. Was wissen wir sicher? Gewinnen wir durch objektive Erkenntnisse
ein immer vollständigeres Bild der Wissenschaft? Oder ist der Wahrheitsanspruch
der Naturwissenschaft nur eine historisch wandelbare Übereinkunft?
In diesem Gespräch sprach Ehlers auch Überzeugungen aus, die er als Physiker hatte:
„Naturwissenschaftliche Sätze haben nicht den Charakter absoluter Wahrheiten.
Physiker arbeiten approximative Richtigkeiten heraus; allerdings ist diese Approximation
manchmal so zuverlässig, dass man meint, damit habe man etwas Wichtiges erkannt –
ob man dies nun wahr nennen will oder brauchbar, ist mehr eine Frage der Terminologie.
Doch gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit ist es wichtig, zu betonen, dass dieser
Grad an Zuverlässigkeit jedenfalls sehr viel personenunabhängiger ist als in
irgendeinem anderen Bereich menschlicher Tätigkeit.“
Am 20. Mai ist Jürgen Ehlers nun völlig überraschend gestorben, „auf dem Weg zu seinem geliebten Institut“,
wie mir seine Frau Anita schrieb. Als ich Anton Zeilinger die Nachricht übermittelte, schrieb er zurück:
„Er war einer der Hand voll Physiker, die ein genuines Interesse an tiefen fundamentalen Fragen haben.
Dies ist eine Spezies, die leider auch in Europa immer weniger wird.“
Die Welt verlor eine wegweisende Forscherpersönlichkeit auf dem Gebiet der Relativitätstheorie, und ich persönlich einen langjährigen Mentor und guten Freund.
Dr. habil. Reinhard Breuer
Chefredakteur
Spektrum der Wissenschaft